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Eine konstruktive Lernatmosphäre schaffen

Weit mehr als die Frage nach gutem Unterricht beschäftigt viele und insbesondere junge Lehrer das Thema: Wie gelingt es, im Klassenraum eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts herzustellen, ein Klima zu schaffen, in dem gut und erfolgreich gelernt werden kann? Wie kann man es schaffen, dass sich die Schüler an Regeln halten, dass sie zuhören, den Lehrer ernst nehmen, sich für die Unterrichtsthemen interessieren und – wenn’s sein muss – auch einfach bloß mal „parieren”? Gerade dann, wenn Unterricht zunehmend individualisiert und kompetenzorientiert gestaltet wird, braucht es eine konstruktive Atmosphäre, in der allein, zu zweit und in Gruppen konstruktiv gleichzeitig an unterschiedlichen Themen gearbeitet werden kann.

Kein anderes Thema trägt mehr dazu bei, dass sich viele Lehrer schon früh ausgebrannt fühlen, als das Thema „mangelnde Disziplin im Unterricht”. Viele Unterrichtsstunden – von der ersten Klasse bis in die gymnasiale Oberstufe hinein – bestehen oft zum großen Teil aus Disziplinierungsmaßnahmen, die häufig erfolglos bleiben. Bevor überhaupt ein Wort zur Sache (dem „Unterrichtsgegenstand”) gefallen ist, vergehen manchmal zehn Minuten und mehr: Die Schüler trudeln nach und nach ein, betreten lautstark den Klassenraum, unterhalten sich, beschimpfen sich gegenseitig, werden manchmal gar handgreiflich, laufen im Klassenraum umher und ignorieren völlig die Versuche des Lehrers, Ruhe herzustellen, um endlich mit dem Unterricht beginnen zu können. Viele Schüler begegnen einander und manchmal sogar dem Lehrer ohne Respekt. Ihr Wortschatz ist häufig verletzend, erniedrigend, sexistisch. Manche Lehrer wissen sich angesichts einer derart destruktiven Atmosphäre nicht anders zu helfen, als ihren Anspruch an guten Unterricht aufzugeben. Sie agieren dann nur noch zwischen einer Mischung aus Strafen und „Stillarbeit”, sprich: Sie lassen die Schüler etwas abschreiben oder Arbeitsblätter schriftlich beantworten; dann herrscht wenigstens mal Ruhe!

 

Andererseits gibt es viele Klassen, in denen eine konstruktive Atmosphäre herrscht. Klassen, in denen junge wie alte Lehrer gern unterrichten und in denen sich die meisten Schüler wohl fühlen. Klassen, in denen nicht etwa ein Klima der Unterdrückung oder der Duckmäuserei herrscht: Klassen, in denen gelacht und gleichzeitig ernsthaft gearbeitet und gelernt wird. Solche Klassen gibt es nicht nur an Gymnasien in „guten Gegenden”, sondern ebenso an Grund-, Haupt- oder Gesamtschulen mit einer Schülerschaft aus „bildungsfernen” Elternhäusern. Sicherlich erfordert die Arbeit an einer solchen Schule mehr Ideen, mehr Durchhaltevermögen und manchmal auch mehr Engagement. Die vielen Lehrer aber, die bereit sind, solches aufzubringen, können fast immer reiche Ernte einfahren! Das Schaffen einer konstruktiven Atmosphäre ist ein hartes Geschäft. Doch von dieser Arbeit profitieren alle – nicht zuletzt die Lehrer! Guter, professionell gestalteter Unterricht ist ein zentraler Aspekt, der dazu beiträgt, auch „schwierige” Schüler zu erreichen. Doch zusätzlich braucht es oft besondere „Arbeit an der Atmosphäre” – unabhängig von Unterrichtsthemen.

Respekt – die Grundlage der konstruktiven Atmosphäre

Fragt man Schüler danach, was einen „guten Lehrer” ausmacht, stehen die Aspekte der „Autorität” und des „Respekts” ganz oben an. Das hat nichts damit zu tun, dass sich Schüler besonders autoritäre Lehrer wünschen, denn autoritär hat bekanntlich nichts mit Autorität zu tun! Allerdings wollen Schüler wissen, woran sie sind; sie erwarten Klarheit und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Wenig Respekt haben Schüler vor Lehrern, die viel „labern”, aber nicht bereit oder in der Lage sind, deutliche Konsequenzen aus Regelüberschreitungen zu ziehen. Ebenso wenig Respekt haben sie vor Lehrern, die nur so tun, als hätten sie Ahnung von den Dingen, die sie unterrichten, in Wirklichkeit aber gerade eine Lektion weiter als die Schüler sind. Den wenigsten Respekt aber haben sie vor Lehrern, die keinen Respekt vor ihnen haben; die immer nur auf ihre Fehler schauen statt auf ihre Kompetenzen, die sie für „blöde” und „verhaltensgestört” erklären, die sie vor der Klasse bloßstellen, die rumschreien und sich der gleichen Fäkalsprache bedienen, die sie ihren Schülern vorwerfen. 

 

Das Grundgesetz des Respekts heißt nun einmal: Wer Respekt von anderen erwartet und wünscht, muss selbst anderen aufrichtigen Respekt vermitteln können; nicht gespielt als Mittel zum Zweck, sondern aus ehrlichem Interesse am anderen. 

 

Diese zugrunde liegende Haltung hat niemand besser formuliert als der Transaktionsanalytiker Thomas Harris: „Ich bin o.k., du bist o.k.” Das Geheimnis dieser Formel liegt in dem gleichberechtigten „o.k.”: Weder „ich bin der Beste und du kannst nichts, weißt nichts, bist nichts”, noch „ich bin ja nur ein kleines Würstchen und du sooo toll.” Ich bin o.k. – ein ganz normaler Mensch mit Stärken und mit Schwächen – genau wie du auch. Diese Haltung an den Tag zu legen, fällt vielen Menschen sehr schwer. Dies liegt häufig an mangelndem Selbstvertrauen, das dazu führt, entweder das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen oder aber letztlich sich selbst immer wieder „beweisen” zu müssen, dass man doch auch o.k. ist, indem man es übertrieben laut in die Welt hinaus posaunt. Diese Haltung, die die Grundvoraussetzung des Respekts ist, erfordert deshalb Mut, sich mit dem „Eingemachten” der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, vor allem mit der Frage: Respektiere ich mich eigentlich selbst, so wie ich bin, mit allen Stärken und Schwächen? Finde ich mich selbst eigentlich o.k.?

 

Wer Respekt von seinen Schülern erwartet, sollte deshalb viel über sie wissen, zum Beispiel:

 

  • Was machen meine Schüler in der Freizeit?

  • Welche Themen interessieren sie, welche Themen bewegen sie?

  • Wie wohnen, wie leben sie?

  • Welche Sendungen sehen sie im Fernsehen, wie lange sehen sie fern, welche Videospiele spielen sie, welche Musik hören sie?

  • Was können sie besonders gut? Von welchen Themen haben sie besonders viel Ahnung?

 

Sich für seine Schüler wirklich zu interessieren, hat weder etwas mit unangebrachter Neugier zu tun noch mit Anbiederei, sondern es ist die notwendige Voraussetzung für eine respektvolle, konstruktive Lernatmosphäre und erfolgreiches Lernen. Wer mit seinen Schülern fast ausschließlich über den Stoff oder disziplinierend kommuniziert, signalisiert damit Desinteresse an der anderen Person. 

 

Gelegenheiten, seine Schüler kennen zu lernen, gibt es genug: auf dem Weg vom Lehrerzimmer zum Klassenraum, in der Pause, nach der Stunde oder als Einstieg in den Unterrichtstag oder die einzelne Stunde (siehe den Abschnitt „Lernlaune herstellen” im Kapitel „Unterrichtseinstiege”). Reichlich Gelegenheiten gibt es auf Ausflügen, Klassenreisen oder Klassenfesten.

Um von seinen Schülern Respekt zu erhalten, sollte der Lehrer ...

 

 

 

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