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Selbstständig lernen




WIE selbstständig lernen?


In vielen allgemeinbildenden Schulen heißt „selbstständiges Lernen“ spätestens ab Klasse 5: Stillarbeit, also das individuelle Ausfüllen von Arbeitsblättern im Gleichschritt (alle Schüler tun dasselbe). Im Anschluss daran erfolgt in der Regel eine gemeinsame Ergebniskontrolle. Lernmethode Nummer eins ist und bleibt der klassische belehrende Frontalunterricht und das Lernen im Gleichschritt.

Selbstständiges Lernen, das den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, den unterschiedlichen Kompetenzen und Interessen der Schüler gerecht wird, baut auf fünf Grundprinzipien auf:

Prinzip 1:

Gleichzeitig an unterschiedlichen, leistungs- und interessendifferenzierten Aufgaben arbeiten

Die „Aufgaben“ werden in unterschiedlicher Form erteilt:

Prinzip 2:

Trainingsaufgaben (Üben und Wiederholen) mit Selbstkontrolle und handlungs- und projektorientierte Aufgaben

Trainingsaufgaben zum Üben und Wiederholen werden von den Schülern mithilfe der vom Lehrer zur Verfügung gestellten Lösungen selbst (oder gegenseitig mit einem Partner) kontrolliert, ggf. auch bewertet. Die traditionelle gemeinsame Ergebniskontrolle ist ermüdend und hat für den einzelnen Schüler einen minimalen Lerneffekt.

Im Zentrum der selbstständigen Arbeit aber stehen handlungs- und projektorientierte Aufgaben, die dem Transfer, der Vertiefung und Anwendung des Lernstoffes dienen. Hier geht es beispielsweise um selbstständige Recherche (in und außerhalb der Schule), um Interviews, um Dokumentation, um Vorbereitung von Präsentationen.

Prinzip 3:

Kooperation

Selbstständiges Lernen geschieht sowohl allein (in Ruhe) und regelmäßig auch gemeinsam: mit einem Partner oder in einer kleinen Gruppe. Wenn gemeinsames Lernen nach klaren Regeln erfolgt, bringt es Lernvorteile für leistungsstarke Lerner ebenso wie für langsame Lerner.

Prinzip 4:

Begründungen

Viele Schüler fühlen sich durch Formen selbstständigen Lernens verunsichert. Sie fordern den klaren, vertrauten Rahmen des Unterrichts „im Gleichschritt, marsch!“. Sie spüren, dass sie im stärker individualisierten Unterricht stärker selbst die Verantwortung für ihr Lernen tragen müssen, sie sind es gewohnt, das zu tun, was man ihnen sagt. Trotz der damit verbundenen Einengungen vermittelt ihnen traditioneller „Beibringunterricht“ einen sicheren Rahmen. Nicht zuletzt kann man sich im traditionellen Frontalunterricht auch besser verstecken. Wer schüchtern ist, sagt halt nichts oder vertraut darauf, aufgrund seines Fleißes bei der Erledigung schriftlicher Aufgaben gute Noten zu bekommen. Und schließlich kann man im Frontalunterricht ja oft auch wunderbar abschalten und seinen Gedanken nachgehen, ohne dass es groß auffällt...

Andere Schüler nutzen (zumindest anfangs) die größeren „Freiheiten“ des selbstständigen Lernens, um sich vor dem Lernen und den Anstrengungen des Lernens zu drücken. Sie lassen andere (leistungsstärkere Schüler) für sich arbeiten oder schreiben Lösungsblätter einfach ab.

In beiden Fällen braucht es gute, plausible, tragfähige Begründungen für das selbstständige, eigenverantwortliche Lernen: Für die „Philosophie“ des selbstständigen Lernens ebenso wie für einzelne Methoden.

Prinzip 5:

Organisation und Regeln

Das selbstständige Lernen braucht einen klaren Organisationsrahmen und klare Regeln. Beispielsweise müssen folgende Organisationsfragen geklärt sein:

- In welcher Weise werden Arbeitsblätter zur Verfügung gestellt? Gibt es Kopien für jeden Schüler oder gibt es nur einzelne Exemplare von jedem Arbeitsblatt, das nach Bearbeitung wieder zurück gelegt wird?

- Wie findet man das für seine Lernvoraussetzungen angemessene Arbeitsblatt?

- Wie erhält man die Lösungen zu „Trainingsaufgaben“?

- Wie ist Stationsarbeit organisiert?

- Was ist die Aufgabe von Chefs? Wie wird man Chef?

- Welche Regeln gelten für die selbstständige Arbeit im Klassenraum, außerhalb des Klassenraums, am Computer?


aus:
Thomas Unruh: Mein Methoden-Portfolio - Selbstständig lernen (Lehrerheft); AOL-Verlag 2008.

Warum selbstständig lernen? Selbstständig lernen: Gelingensvoraussetzungen