Notebooks im Hauptseminar
Dienstag Vormittag im Hauptseminar1. 44 Referendare arbeiten in einem großen Seminarraum, einige auf Fluren oder Nebenräumen. Viele haben ihr Notebook vor sich: auf den Knien, auf Stühlen, wenige auf Tischen, einige sitzen vor ihrem Notebook auf dem Fußboden: Um genügend Bewegungsfreiheit im Raum zu haben, gibt es nur wenige Tische. Die Notebooks sind über leuchtend grüne Kabel mit dem Netzwerk des Studienseminars verbunden. Die meisten Referendare arbeiten zusammen – zu zweit oder in kleinen Gruppen. Es herrscht eine außerordentlich intensive und konstruktive Lernatmosphäre. Die Referendare arbeiten an der Nachbereitung der „Betriebserkun-dungswoche“ 2. In früheren Jahren wurden im Rahmen dieser Ausbildung mehr oder weniger umfangreiche Papiere und Arbeitsblätter erstellt, die viel Text enthielten, oft wenig gestaltet waren und in der Regel wenig Anreiz boten, sie später noch einmal zur Hand zu nehmen, um damit zu arbeiten. Die Aufgabe in diesem Notebook-Seminar lautet: Stellen Sie die wichtigsten Erfahrungen und Aha-Erlebnisse des Besuches eines Betriebes oder einer Einrichtung in einer kurzen Online-Präsentation vor. Alle Präsen-tationen sollen auf einer CD-ROM veröffentlicht werden, mit der beispielsweise im Unterricht weiter gearbeitet werden kann.
Fast alle Referendare arbeiten hoch konzentriert. Es ist gar nicht so einfach, alle 44 wieder zu einer Phase gemeinsamer Arbeit zusammen zu holen; da braucht es schon einen sehr deutlichen „Phasentrenner“! Und schließlich hilft nur, auch einzelne Referendare aufzufordern, nun mal bitte den Deckel ihres Notebooks zu schließen!
Nach etwa zwei Stunden sehr intensiver individueller Arbeit sind zwanzig Präsentationen entstanden. Einige Referendare haben ihre Ergebnisse in Word erstellt – als übersichtlich layoutete, sinnvoll bebilderte und mit weiter führenden Links versehene „Papiere“; viele Referendare präsentieren ihr Ergebnis mit Powerpoint; zwei Referendare haben sogar eine Multimedia-Präsentation mit Mediator fertig gestellt.
Die nun anschließende Präsentation läuft nicht, wie üblich, „im Gleichschritt, marsch!“ ab. Es ist schwierig und nicht unbedingt sinnvoll, zwanzig Präsentationen, die „vorne“ für alle vorgestellt werden, aufmerksam zu folgen, und sei jede für sich auch noch so gut gemacht und präsentiert. Unsere Alternative: Die Präsentationen, die mich interessieren, individuell online betrachten! Oder: In einer Art „Vernissage“ im Raum zu den Kollegen gehen, deren Präsentationen oder Themen mich besonders interessieren, und das Ergebnis auf deren Notebook betrachten – und so natürlich auch die Gelegenheit für persönliche Nachfragen und Anmerkungen zu nutzen. Während dessen trägt jeder seine persönlichen Aha-Erlebnisse, Bemerkungen, Fragen zum Thema bzw. zu einzelnen Präsentationen auf einem „Schwarzen Brett“ ein. Auch dieses steht (nur) online zur Verfügung. Auf der Website des Hauptseminars habe ich dafür ein Online-Forum eingerichtet; hier kann man seine Einträge online veröffentlichen und die Einträge der anderen Referendare lesen. Da alle Beiträge sofort „digital“ vorliegen, können sie in ein Word-Dokument übertragen werden und für die Gesamt-Dokumentation verwendet werden.
Die Referendare legen alle entstandenen Beiträge über das Netzwerk des Studienseminars in der Dateiablage des Hauptseminars ab. Sie können dort von allen Mitgliedern des Hauptseminars und von mir als Leiter des Seminars downgeloadet werden. Ich habe auf diese Weise alle Präsentationen zusammen gefasst, mit einigen Bildern aus der Arbeit versehen und daraus eine CD-ROM erstellt, die alle Referendare des Hauptseminars erhalten. Viele der entstandenen Produkte haben eine so hohe inhaltliche und gestalterische Qualität, dass sie in der Tat sehr gut beispielsweise im Unterricht zur Berufsorientierung genutzt werden können!
Wie ist es möglich, dass ein Seminar mit 44 Referendaren, von denen die meisten vor weniger als einem Jahr den PC zu Hause überwiegend als Schreibmaschine verwendet und wenig bis gar nicht mit dem Internet gearbeitet haben, sich nach so kurzer Zeit so selbstverständlich, professionell und effizient der neuen Medien als „Lern-Werkzeug“ bedient und welche Rahmenbedingungen müssen dafür erfüllt sein?
Die Voraussetzungen für erfolgreiche Arbeit
Die 44 Referendare meines Hauptseminars sind seit April 2001 vollständig mit persönlichen Notebooks ausgestattet3. Nur ein kleiner Teil von ihnen verfügte zu diesem Zeitpunkt über intensives Know How in Sachen Computer und Internet. Als Pilot- und Erprobungsseminar zum Lernen mit „Notebooks in der Lehrerausbildung“ 4 wird in diesem Hauptseminar – neben der „klassischen“ Seminararbeit – die intensive Arbeit mit Notebooks praktisch erprobt und dokumentiert 5.
Das Studienseminar Hamburg verfügt über eine erstklassige technische Ausstattung. Seit 1.8.2001 erhalten alle neuen Referendare in Hamburg ein persönliches Notebook. Beamer stehen im Hause in ausreichender Zahl zur Verfügung. Eine Ausstattung für die Arbeit mit Multimedia wird zur Zeit vorbereitet. Alle Räume des Hauses verfügen über zahlreiche Netzwerkanschlüsse zur Verbindung mit dem Internet bzw. dem Intranet des Hauses, dem „Portal“ des Studienseminars. Auf diesem „Portal“ stehen Funktionen für interne E-Mails („News“) sowie eine komfortable Dateiablage mit integrierter Datenbank beispielsweise für Arbeitsergebnisse des Seminars, Unterrichtsentwürfe etc. zur Verfügung. Last but not least können über die „Kalender“-Funktion des Portals gemeinsame Termine verwaltet werden, z.B. „buchen“ die Referendare ihre Hospitationstermine bei mir über diese Funktion ausschließlich online.
Die hervorragende Ausstattung des Studienseminars ist eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit mit Notebooks in der Lehrerausbildung. Dazu gehört in besonderer Weise die Vernetzung des Hauses, mit der Möglichkeit, überall im Hause mit sehr schnellen Verbindungen auf das Internet und das Intranet zugreifen zu können. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Bereitschaft der Referendare, insbesondere in einem so großen Seminar, einerseits eigene Fragen und Schwierigkeiten im Umgang mit der Technik zurück stellen zu können, weil nicht jedes Problem sofort gelöst werden kann, und andererseits die Bereitschaft von denjenigen, die bereits über größeres Know How verfügen (z.B. die Teilnehmer des Seminars „Multimedia im Web“), einzelnen Kollegen pragmatisch und schnell zu helfen.
Als besonders sinnvoll hat es sich herausgestellt, von Anfang an keine Computer- oder Softwareschulung im Seminar zu betreiben. Das ist einerseits aus zeitlichen Gründen gar nicht möglich, denn die „klassischen“ Themen der Arbeit im Hauptseminar sind weiterhin dran; daran wird weiterhin auch ohne den Einsatz der Notebooks gearbeitet (z.B. professionelle Gesprächsführung im Unterricht). Andererseits hat sich sehr deutlich gezeigt, dass das Handling der Standard-Programme (vor allem Microsoft Office) am wirksamsten „on the job“ gelernt wird. Bei dieser Arbeit an konkreten Projekten zeigt sich dann die Überlegenheit der quasi automatisch leistungsdifferenzierten Arbeit: Die Referendare arbeiten überwiegend zu zweit oder in kleinen Gruppen, jeder auf seinem jeweiligen „Level“, und helfen sich gegenseitig bei der Lösung konkreter Probleme.
So wird im Notebook-Seminar gearbeitet
Alle wichtigen Informationen von allen für alle werden über die Mailingliste des Seminars verteilt. Die Teilnahme an der Mailingliste (und der tägliche Blick in die Mailbox) waren von Anfang an Pflicht. Heute ist die Mailingliste ein unverzichtbares Instrument – ganz besonders für den Seminarleiter: Die Arbeit in den Seminaren wird wesentlich von organisatorischen Fragen und Mitteilungen entlastet, die im Vorfeld (und zumeist ausführlicher und genauer als „live“) online „erledigt“ werden.
Die Website des Seminars dient der „corporate identity“, ist schnelles Medium zur Veröffentlichung von Seminarergebnissen. Aktuelle Fotos aus der Seminararbeit und aus dem Unterricht der Referendare vermitteln die Bedeutung der Arbeit und Wertschätzung für die Personen. Die Bilder aus dem Unterricht sollen Ideen vermitteln und andere zur Nachahmung animieren. Weiterhin gibt es hier Zusatzmaterial zu Seminarthemen (Links zu weiterführenden Seiten) und Literaturtipps (mit direkten Links zu Online-Buchhandlungen).
Die Online-Dateiablage des Seminars auf dem Portal des Studienseminars mit integrierter Datenbank: Hier werden Ergebnisse der Seminararbeit, alle Papiere und Infos des Seminarleiters und gelungene Stundenentwürfe abgelegt.
Für viele Referendare war es nicht „ohne“, sich zusätzlich zu den nicht unerheblichen Belastungen, die das Referendariat auch ohne Computer und neue Medien mit sich bringt, in die Arbeit mit den Notebooks, der Software und dem Internet „einzufuchsen“. Trotzdem ist die Arbeit mit diesen „Lernwerkzeugen“ par excellence inzwischen tägliche Routine geworden. Routine, die im Hauptseminar durch Projekte mit Notebooks im Rahmen der Seminararbeit angereichert werden, die inzwischen Highlights der Arbeit geworden sind. Einige Beispiele zu solchen „Notebook-Projekten“:
- Mit „Word“ eine Seminarzeitung gestalten und dabei – by the way – ganz viel über Layout und Bildgestaltung lernen.
- Eine Internetrecherche zum Thema „Lerntipps“, deren Ergebnisse mit Powerpoint präsentiert werden
- Ideen zum Lernen mit dem Computer in der Schule in einer MindManager-Mindmap entwickeln und konkrete Beispiele ausprobieren und selbst erstellen, z.B. Online-Arbeitsblätter mit „Hot Potatoes“
- Eine CD-ROM mit den besten Ideen für Vertretungsunterricht gestalten
- Eine Website für die Klasse gestalten und im Internet veröffentlichen.
Der größte Erfolg dieses Projekts besteht darin, dass viele Referendare wirklich das praktizieren und leben, was ursprünglich als Idee und Ziel am „grünen Tisch“ entwickelt wurde: Sie sind im besten Sinne Botschafter des Lernens mit neuen Medien geworden! Das ist zu spüren, wenn sie den neuen, oft noch skeptischen Referendaren von der Arbeit mit den Notebooks im Seminar berichten, wenn sie andere Referendare und Seminarleiter fortbilden und wenn sie – bei oftmals katastrophaler Ausstattung, gegen alle Bedenken und manchmal auch Widerstände – an ihren Schulen oft nur ganz kleine Brötchen backen können und trotzdem das „neue Lernen mit Medien“ Stück für Stück voran bringen.
Anmerkungen:
1 Die Ausbildung der Lehrer für alle Schulformen fand bis 2003 am Staatlichen Studienseminar statt (heute: Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Abteilung Ausbildung). Im Hauptseminar werden allgemeine Fragen der Erziehung, des Unterrichts sowie des Schulwesens im Zusammenhang mit den praktischen Erfahrungen der Referendare behandelt. Der Hauptseminarleiter leitet und koordiniert die Ausbildung der ca. 45 Referendare eines Hauptseminars.
2 Alle Referendare nehmen im Rahmen der Ausbildung im Hauptseminar an einer Betriebserkundungswoche teil. Sie lernen verschiedene Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und andere Einrichtungen der Berufsausbildung in Hamburg kennen.
3 Seit 1.8.2001 werden alle Referendare in Hamburg mit persönlichen Notebooks ausgestattet, um – so die Idee und der Auftrag des früheren Bürgermeisters und der Bürgerschaft – als „Botschafter des Lernens mit neuen Medien“ frischen Wind und Know How in die Schulen zu tragen.
4 Als eines von drei weiteren (Fach-) Seminaren am Studienseminar Hamburg arbeitet dieses Hauptseminar als „Erprobungsseminar“ im Rahmen des BLK-Modellversuchs SEMIK.
6 Multimedia im Web ist ein bundesweites Angebot im Rahmen von SEMIK zur Qualifikation von Referendaren und Seminarleitern im Bereich Multimedia.
Thomas Unruh in “Computer & Unterricht”


