Unterrichtseinstiege
Der Lehrer oder die Lehrerin legt in den ersten Minuten der Stunde deutliche Spuren: Kann in dieser Stunde etwas Wichtiges gelernt werden – oder ist Lernen bloß Selbstzweck – der Stoff ist halt „dran“... Kann Lernen Spaß machen oder ist es eine bierernste Angelegenheit, bei der Lachen verboten ist und vor allem: Werden „resourcenreiche Zustände“ (NLP) mobilisiert oder wird vermittelt: Lernen hat vor allem etwas mit Angst zu tun – mit Angst vor Fehlern und vor unberechenbaren Lehrern.
Deshalb müssen Unterrichtseinstiege auch mitnichten immer gleich „zur Sache“ gehen. Um gut lernen zu können, um viel lernen zu können, um wirklich weiter zu kommen, muss man erst mal in Lernlaune kommen! Wie wichtig das ist, weiß jeder, der schon mal erfahren hat, zu welchen Höchstleitungen er oder sie im „entspannten“ Zustand, z.B. im Urlaub in der Lage ist – und wie einem genauso von einer Minute zur nächsten die Erinnerung an ein sehr unangenehmes Erlebnis nicht nur die Laune verhageln, sondern obendrein alle Kraft nehmen kann (mehr dazu hier: www.nlp.de).
Andererseits ist es sinnvoll, den Schülerinnen und Schülern klar zu sagen, worum es geht: „In dieser Stunde könnt ihr Folgendes lernen: .... Das ist aus folgenden Gründen wichtig bzw. interessant: ....“ Die meisten Schülerinnen und Schüler wissen doch ganz genau, dass sie in der Schule zum Lernen sind, und sie würden’s auch tun – wenn man ihnen wenigstens ab und zu erklären würde, was sie denn im Unterricht für sie Wichtiges lernen können!
Doch Vorsicht! Auch wer seinen Schülerinnen und Schülern sagt, was sie in der Stunde lernen können und warum das für sie wichtig oder interessant ist, darf nicht vergessen, dass das Thema des Unterrichts auch das Thema der „Kunden“ werden muss! Das heißt: Der Lehrer oder die Lehrerin darf die Schülerinnen und Schüler nicht einfach „verdonnern“, sondern muss ihnen eine Problemstellung vermitteln, mit der zu beschäftigen bzw. die zu lösen sich wirklich lohnt. Erst, wenn das gelingt, sind die nötigen Voraussetzungen zum Lernen erfüllt.
Das heißt zusammengefasst: Wer seine „Kunden“ wirklich erreichen will, muss am Beginn der Stunde drei Dinge berücksichtigen:
1. Gute Lernlaune herstellen;
2. Sagen und begründen, was Sache ist;
3. eine echte Frage zum Ausgangspunkt des Unterrichts machen.
Die traditionellen Wege des Einstiegs, die die meisten heutigen Lehrerinnen und Lehrer, die so um die fünfzig sind, vor 30 Jahren in ihrer eigenen Ausbildung gelernt haben, haben sich dagegen als wenig sinnvoll, als unwirksam, ja häufig ausgesprochen kontraproduktiv herausgestellt:
Erstens: Die klassische Motivationsphase: Wer Schüler zum Lernen locken, verführen, „motivieren“ will, signalisiert ihnen damit deutlich: Das, worum es hier eigentlich gehen soll, ist unangenehm, schwierig, lästig. Deshalb musst du, lieber Schüler und liebe Schülerin, abgelenkt, überlistet werden, damit du nicht merkst, dass die „Stoff-Pille“, die du schlucken musst, bitter ist.
Zweitens ist in Zeiten von professionellem Infotainment (angefangen von der „Sendung mit der Maus“ bis hin zu interaktiven Lernprogrammen auf CD-ROM und im Internet) und von bombastischen Gameshows im Fernsehen wirklich eine reichlich naive Illusion anzunehmen, dagegen könne ein Lehrer mit seinem bestenfalls bemühtem Motivationszirkus ankommen.
2.Die klassische Erarbeitungsphase: Auch sie beruht auf einem nur schwer auszurottenden Gerücht: Dass echtes Lernen nur dann geschehe, wenn die Schüler, alles, was sie lernen sollen, quasi selbst herausfinden. Dieses Modell taugt aber nur solange, wie es prinzipiell möglich ist, die Sache selbst herauszufinden. Es gibt eine Reihe von Themen, bei denen es sinnvoll ist, zunächst begründete Hypothesen zu formulieren, um diese anschließend zu überprüfen oder durch Sachinformationen zu klären. Es gibt aber wesentlich mehr Unterrichtssituationen, in denen es nicht sinnvoll ist und ganz oft schlicht unmöglich ist, die Sache durch Nachdenken, Spekulieren oder Hypothesenbildung selbst zu erschließen. In diesen Fällen kommt es dann zu den den Schülerinnen und Schülern so wohl vertrauten Ratesituationen, in denen mühsam im Nebel herum gestochert wird und in denen es irgendwann nur noch um die eine Frage geht: Worauf will der Lehrer bloß hinaus – und warum sagt er oder sie es uns nicht einfach?!
Professionelle Alternativen zum „fragend-entwickelnden Gespräch“ finden sich in den Kapiteln Unterrichtsgespräche und Lehrerinfos.
Im Buch mehr u.a. zu diesen Themen:
- Wie kann man gute Lernlaune schaffen?
- Wie kann man sagen, was Sache ist?
- Wie macht man eine Frage zum Ausgangspunkt des Unterrichts?
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de

