Allgemeinbildung
Wozu Allgemeinbildung heute?
In der Diskussion um die Relevanz von Allgemeinbildung heute gibt es vor allem zwei konträre Grundpositionen:
Angesichts des immensen Umfangs des Wissens, das obendrein täglich wächst, kann jeder Mensch nur einen winzigen Bruchteil wissen – und selbst der kann morgen schon wieder überholt sein. Allgemeinbildung ist etwas für intellektuelle Angeber, die es nötig haben, sich durch ihr Faktenwissen von der Masse der „Ungebildeten“ abzusetzen. Es ist wichtiger zu wissen, wie man sich relevante Informationen beschafft, als sie permanent präsent zu haben, um damit zu „glänzen“.
Es gibt ein Grundwissen über die Welt, das dabei hilft, besser in dieser Welt zurecht zu kommen: Um Informationen aus Zeitungen, Büchern, Fernsehsendungen und nicht zuletzt dem Internet überhaupt verstehen und einordnen zu können, um in Gesprächen mitreden zu können, ohne nur fragen zu müssen. Es ist unrealistisch, sich alle zum Verstehen und zum Mitreden erforderlichen Informationen erst beschaffen zu müssen. Und nicht zu vergessen: Allgemeinbildung macht auch Spaß, wie man beispielsweise am Erfolg von Quizshows sehen kann!
Was ist das - Allgemeinbildung?
Laut Encarta „die grundlegenden Bildungsinhalte, die ein allgemeinbildendes Schulsystem in möglichst großen Bevölkerungskreisen verbreiten und verankern soll“. Das heißt:
Schulische Bildungsinhalte, also die wesentlichen Inhalte der Schulfächer: Als Minimalkonsens der Stoff der Grundschule (bis Klasse 4). Als kleinster gemeinsamer Nenner die stofflichen Grundlagen des Unterrichts in der Hauptschule bis Klasse 9.
Darüber hinausgehend: Allgemeinbildung pragmatisch verstanden als Grundlagenwissen zum „Überleben“ in der modernen Gesellschaft: Um die Informationsflut der „Informationsgesellschaft“ verstehen und einordnen zu können, um selbst Stellung nehmen zu können, um sich als „homo politicus“, beispielsweise als Wähler oder als Verbraucher nicht „übers Ohr hauen“ zu lassen.
Es kann keinen vollständigen Katalog von notwendigem Allgemeinwissen geben, die Konkretisierung von Allgemeinbildung ist immer auch subjektiv. Die Bedeutung der Allgemeinbildung besteht darin, an exemplarischen Inhalten Interesse für Themen und damit die eigene Persönlichkeit zu entwickeln . Diese „umfassend gebildete Persönlichkeit“ im klassischen Sinne von Rousseau und Pestalozzi gewinnt gerade im „postindustriellen Zeitalter“ eine wachsende Bedeutung als Kontrapunkt zu langweiligen „Fachidioten“ und „Schmalspurdenkern“ im Sinne einer zukunftsorientierten Unternehmensphilosophie.
Wie ist es um die Allgemeinbildung heutiger Schüler / Schulabgänger bestellt?
Zwischen dem Anspruch, die allgemeinbildenden Schulen sollten „grundlegende Bildungsinhalte verbreitern und verankern“ (s.o.), und der Realität klafft eine riesige Lücke. Die Schüler aller Schulformen sind Weltmeister darin, Stoff für Tests, Klausuren und Prüfungen zu pauken und dafür häufig auch zu beherrschen. Je abstrakter, formaler und ein-eindeutiger der Stoff, desto besser. Eine Nachfrage nur wenige Wochen später (nach der „Verankerung“ des Wissens) ruft dagegen sehr häufig bereits Achselzucken hervor. Noch schlechter sind die Ergebnisse, wenn es um die Anwendung oder den Transfer von Wissen geht oder von Kenntnissen, die sich nicht in eine abfragbare, eindeutig richtige Form bringen lassen.
Einige singuläre Beispiele, die sich beliebig fortsetzen ließen:
Realschule, 8. Klasse: Das Volumen eines Würfels berechnen (Stoff der 5. Klasse). Die „Formel“ (a3) weiß einer von 24 Schülern. Die anderen kommen nicht auf die Idee, sie sich per Anschauung schnell herzuleiten – oder können das nicht.
Gesamtschule, 8. Klasse: Ein Schüler (von 23!) in der Klasse ist in der Lage, ein Satzprädikat als „Tuwort“ zu identifizieren...
Gymnasium, 9. Klasse: Schüler, die gerade erfolgreich einen Test zur komplizierten Zeitenfolge der indirekten Rede im Englischen absolviert haben, scheitern anlässlich eines Flughafenbesuchs bei der Bewältigung simpelster Alltagskommunikation mit englischen Gesprächspartnern.
Alle zur Zeit vorliegenden empirischen Untersuchungen sprechen Bände. Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei den internationalen PISA-Studien ließ Bildungspolitiker überall im Lande und in allen Parteien wehklagen und löste die „empirische Wende“ der Bildungspolitik aus.
Im Buch "Guter Unterricht" geht es weiter u.a. mit diesen Themen:
- Mögliche Gründe für geringe Allgemeinbildung
- Was sollte, was kann getan werden zur Verbesserung der Allgemeinbildung?
Fitness-Training zur Auffrischung des Allgemeinwissens und "Appetizer" für mehr:
Thomas Unruh: Grundwissen Allgemeinbildung. AOL-Verlag, 6. Aufl. 2002
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de


