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Handwerkszeug für guten Unterricht




Schülerfeedback


Die heimliche Angst der Lehrer“ titelte die Frankfurter Rundschau im Mai 2000 in einem Bericht über zwei Hamburger Projekte zum Thema „Schülerrückmeldung über Unterricht“. In der Tat wurde hier erstmals ernsthaft, wissenschaftlich begleitet und in größerem Rahmen der Versuch unternommen, etwas zum Thema zu machen, das bisher als sakrosankt galt: Die Qualität des Unterrichts regelmäßig von den Schülern beurteilen zu lassen.

Es hat immer engagierte Lehrer gegeben, die sich beispielsweise am Schuljahresende von ihren Schülern Zeugnisse ausstellen ließen und die von Zeit zu Zeit mit ihren Schülern über die Inhalte und Formen ihres Unterrichts gesprochen haben. Dies galt aber nur für eine Minderheit der Lehrer. Die große Mehrheit beansprucht das „Beurteilungsmonopol“ für sich und lehnt es kategorisch ab, Schülern die Möglichkeit zu geben, sich zum Unterricht zu äußern, vor allem, weil sie dadurch ihre Autorität im Klassenraum in Frage gestellt sehen. Begründet wird diese Haltung mit Rationalisierungen, mit denen es auch andere Berufsgruppen seit eh und je abgelehnt haben, die Qualität ihrer Arbeit von ihren „Kunden“, die schließlich „Laien“ seien, beurteilen zu lassen und damit de facto ihre eigene Unfehlbarkeit postulierten. An erster Stelle seien hier Ärzte und die Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen genannt. Eine „kundenorientierte“ Haltung ist aber längst nicht mehr bloß auf den Bereich der klassischen (kommerziellen) Verkäufer – Kunden – Beziehungen beschränkt, sondern wird heute zunehmend als Bestandteil der Professionalität auch in Berufen erwartet, in denen Menschen mit einander zu tun haben, ohne dass es dabei um „Verkaufen“ im klassischen Sinne geht. Lehrer sind nach diesem Berufsverständnis eben auch Dienstleister, die für die Qualität ihrer „Dienstleistung“ verantwortlich sind und diese regelmäßig auch von den „Abnehmern“ beurteilen lassen müssen.

Dass diese Haltung zukünftig nicht mehr in das Belieben des einzelnen Lehrers gelegt wird, zeigen beispielsweise die Ausbildungsrichtlinien für die Lehrerausbildung in Hamburg vom April 2000. Dort heißt es an prominenter Stelle unter „Ziele der Ausbildung“: „Die Referen-darinnen und Referendare sollen insbesondere lernen, (...) ein Feedback der Schülerinnen und Schüler über geeignete Verfahren einzuholen, auszuwerten und für die Weiterentwicklung des Lernverhaltens zu nutzen“.

Diese Formulierung deutet aber bereits an, dass es hierbei eben nicht darum geht, dass der Lehrer sich nun bloß zur Disposition stellt, um sich und seinen Unterricht von den Schülern wohlmöglich in der Luft zerreißen zu lassen. Wer sich von seinen Schülern Feedback über Unterricht geben lässt, muss kein Masochist sein, er kann damit im Gegenteil auch zur Erhöhung seiner eigenen Berufszufriedenheit beitragen. Ernsthaftes, ehrliches und differenziertes Feedback, aus dem natürlich auch Konsequenzen gezogen werden, trägt zur Verbesserung der Unterrichtsqualität bei. Erstmal ist es natürlich an sich befriedigend, gute Arbeit zu leisten. Wer seine Schüler nach der Qualität des Unterrichts und nach Verbesserungsmöglichkeiten befragt, tut damit vor allem einen wichtigen Schritt für größere Zufriedenheit bei allen Beteiligten und löst damit wiederum einen sich selbst verstärkenden Kreislauf aus. Auf Seiten der Schüler führt aber nicht nur die Verbesserung der Unterrichtsqualität zu größerer Zufriedenheit und damit höherer Motivation und besseren Leistungen. Allein die Tatsache, gefragt zu werden und sehr ernst genommen zu werden ist ein Signal, das die Schüler hoch schätzen und honorieren. Die Angst, im Feedback „in die Pfanne gehauen“ zu werden ist deshalb zumeist auch unbegründet.

Natürlich geht es nicht nur um Feedback der Schüler an den Lehrer. Um die angestrebte Verbesserung der Unterrichtsqualität zu erreichen, ist es genauso wichtig, dass Schüler lernen, sich gegenseitig konstruktives Feedback zu geben und der Lehrer seinerseits sein anders als über Noten oder Standpauken Rückmeldung an seine Schüler gibt.

Um vom regelmäßigen Feedback im Unterricht in diesem Sinne profitieren zu können, braucht es allerdings einige Voraussetzungen.


Feedback-Kultur ist eine Frage der Haltung

In der traditionellen Schule heißt Feedback: Der Lehrer teilt den Schülern mit, was sie richtig gemacht haben (zumeist über Noten) und – in der Regel wesentlich häufiger – was sie schlecht oder falsch gemacht haben. Eine Feedback-Kultur zu entwickeln bedeutet: Alle am Unterrichtsgeschehen Beteiligten sagen sich regelmäßig gegenseitig, was notwendig ist, damit alle sich im Klassenraum möglichst wohl fühlen und möglichst gut lernen können.

Regelmäßiges gegenseitiges Feedback ist selbstverständlicher Bestandteil jeden Unterrichts

Eine Feedback-Kultur zu entwickeln bedeutet erstens, Feedback zu entzaubern und so selbstverständlich zu praktizieren wie (vielleicht) das Vokabelabfragen zu Beginn der Stunde. Und damit sich diese Selbstverständlichkeit durchsetzen kann, müssen alle Beteiligten den Sinn und den Nutzen regelmäßigen Feedbacks verstanden haben und akzeptieren: Es geht nicht darum, „Zeit zu schinden“, um sich weniger mit irgendeinem langweiligen Stoff beschäftigen zu müssen, oder dem Risiko ausgesetzt zu sein dranzukommen und nichts zu wissen. Jeder muss wissen, akzeptieren und vor allem spüren: Es geht um besseren und interessanteren Unterricht, von dem jeder Einzelne profitiert. Und es geht darum, dass sich jeder Einzelne in der Klasse wohl fühlt und gut lernen kann.

Das heißt natürlich auch: Es geht nicht darum, über Unterricht zu „labern“. Feedback muss Konsequenzen haben! Nur wer weiß, dass die Ergebnisse des Feedbacks spürbare Veränderungen bewirkten, kann vom Feedback wirklich profitieren. Das bedeutet wiederum, dass jeder Einzelne auch bereit sein muss, aus den Ergebnissen des Feedbacks Konsequenzen zu ziehen, also auch: sich selbst zu verändern!

Gelungenes wahrnehmen und äußern

Differenziertes Feedback zu Erfolgen, positivem Verhalten, Kompetenzen und Stärken ist eher selten. Schüler haben für die Fähigkeit, positives Feedback zu geben, nur selten gute Modelle in ihren Lehrern. Nicht zuletzt deshalb ist die Kompetenz auch bei Schülern deutlich unterentwickelt. Im Gegenteil: Jemanden zu loben, ihm Anerkennung zu äußern, bloß etwas Nettes zu sagen, ist verpönt und wird als „Strebertum“ oder „Anschleimen“ gebrandmarkt. Gleichzeitig weiß jeder Mensch aus eigener Erfahrung und jeder Pädagoge zumindest aus der Theorie, dass es gerade im Bereich des Verhaltens kaum einen besseren Weg gibt, als das Lernen am Erfolg. Jeder weiß, wie gut ein ehrliches, möglichst differenziertes Lob tut, das mehr ist als ein mühsam abgekniffenes „okay!“ oder vielleicht sogar „klasse!“ ist.

Der erste Schritt auf dem schwierigen Weg zu einer konstruktiven Feedback-Kultur heißt deshalb: Alle Beteiligten – Lehrer wie Schüler – müssen regelrecht trainieren, Erfolge, Gelungenes, Stärken und Kompetenzen differenziert wahrzunehmen und äußern zu können. Wie schwer das bereits in Bezug auf die eigene Person ist, merken Referendare, wenn sie in der Nachbesprechung von Hospitationsstunden aufgefordert werden, ihren Fokus zunächst ausschließlich auf Gelungenes zu richten. Fast noch schwieriger – und nicht weniger „peinlich“ ist es, jemand anderem ohne Umschweife zu sagen: Ich finde, das hast du richtig gut gemacht:...

Kritik konstruktiv äußern

Wer den Fokus der Rückmeldung zunächst auf Erfolge richtet und dies vor allem ehrlich und differenziert tut und sich dafür Zeit nimmt, schafft die wichtigste Voraussetzung, kritische Äußerungen überhaupt anzuhören. Das Feedback zu Gelungenem muss deshalb wirklich ehrlich sein und nicht immer das „aber ...“ durchschimmern lassen. Die meisten Menschen haben ein feines Gespür, ob ein Lob ehrlich ist oder nur Mittel zum Zweck, um die Kritik anschließend um so gnadenloser loszuwerden. Aber manche Schüler, Lehrer und Referendare haben – verdorben durch die Kritik- und Fehler-Kultur in Schulen – auch verlernt, ein ehrliches positives Feedback genau zu hören und anzunehmen. Sie lauern förmlich auf die versteckte Ohrfeige, die spätestens im nächsten Satz ganz sicher kommen wird – und ihr Ohr für Kritik ist um ein Vielfaches schärfer (und natürlich auch empfindlicher) als das für Anerkennung und Lob.

Kritik konstruktiv äußern heißt: Weniger kritisieren und statt dessen, Möglichkeiten, Perspektiven für Veränderungen oder Verbesserungen als Vorschlag oder Idee formulieren. Dieser Weg ist – ähnlich wie das positive Feedback – kaum bekannt und verbreitet. Kritik in der Schule wird in der Regel fast ausschließlich negativ und häufig destruktiv geäußert: „Fünf!“ „Du hast ...!“ „Das ist schlecht!“ Und meistens wird gehört (und manchmal auch gesagt); „Du bist schlecht!“ Deshalb haben viele Lehrer auch Angst vor dem Feedback ihrer Schüler, weil sie eben diese Art der Kritik, die die Schüler zumeist ausschließlich kennen, fürchten.
Alles andere als selbstverständlich ist es, konstruktive Kritik als Verbesserungsvorschlag zu formulieren. Denn damit ich deutlich, dass ich als Kritisierender nicht „die Weisheit mit Löffeln gefressen habe“, sondern eine Idee habe, mit der sich der andere auseinandersetzen kann, die er natürlich aber auch verwerfen kann.

Die Grundlage einer Feedback-Kultur im Klassenraum besteht deshalb darin, zunächst Gelungenes und anschließend Verbesserungsvorschläge zu formulieren. Durch diese universell gültige quasi formale Regel entwickelt sich bei den Beteiligten mit der Zeit von selbst eine andere Haltung und Mentalität: eine neue, eine konstruktive Feedback-Kultur.

Feedback braucht ein Klima des gegenseitigen Vertrauens

Wenn das Verhalten von Menschen thematisiert wird, dann geht es ums „Eingemachte“. Deshalb braucht Feedback ein Klima des gegenseitigen Vertrauens. Das ist im Klassenraum – auch wenn man sich manchmal schon lange kennt – alles andere als selbstverständlich. Vertrauen heißt nicht „Wir haben uns alle lieb“. Vertrauen heißt: Jeder hat das Recht darauf, ernst genommen und angehört zu werden, hat das Recht auf Respekt. Und umgekehrt bedeutet es die Verpflichtung, die anderen ernst zu nehmen, anzuhören und zu respektieren. Und das gilt für Lehrer und Schüler gleichermaßen. Und ist doch keineswegs selbstverständlich. Die Grundlage des Vertrauens im Klassenraum heißt: Kontakt herstellen, viel von einander zu wissen, sich möglichst gut zu kennen, sich für einander zu interessieren. Ideen und Beispiele dazu finden sich beispielsweise im Kapitel => Unterrichtseinstiege.
Feedback zu geben fällt oft im geschützten Raum einer vertrauten Gruppe leichter als coram publico. Gerade wenn man am Anfang steht, eine Feedback-Kultur zu entwickeln ist es deshalb oft hilfreich, die ersten Schritte im kleinen, eher vertrauten Kreis zu tun. In der Gruppe ist es beispielsweise auch möglich, intern ein „Punktekonto“ zu verteilen: Die Schüler einer Gruppe einigen sich, wer wie viele der (beispielsweise) 100 zu verteilenden Punkte erhält, etwa für dessen Anteil am Gesamtergebnis oder dessen Beitrag zu einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre.

Zu Anfang fällt es manchen schwer, ein persönliches Feedback verbal zu geben. Der schriftliche Weg umgeht diese Schwierigkeit. Deshalb ist es ein guter Weg, anderen einen Brief zu schreiben. So ein Brief kann auf standarisierte Formulierungen zurückgreifen, z.B. „Mir gefällt an dir ...“, „du kannst gut ...“, „ich finde gut, dass du ...“, „ich mag nicht ... – vielleicht könntest du ...“. Anderen solch konstruktives Feedback geben zu können, setzt voraus, auch mit sich selbst in dieser Weise konstruktiv umzugehen. Deshalb kann man zunächst damit beginnen, einen Brief an sich selbst zu schreiben. Der Lehrer kann diese verschlossenen, adressierten und frankierten Briefe einsammeln und zu einem gewünschten Zeitpunkt in den Briefkasten stecken. Es ist für Schüler ein Erlebnis, einen Brief zu erhalten, den sie an sich selber geschrieben haben und darin, vielleicht nach einem halben Jahr zu lesen, wie sie ihre Stärken, Erfolge und Kompetenzen und ihre Ziele beschrieben haben, um den Ist-Zustand damit zu vergleichen.

Schüler, die sich mit dem Schreiben schwer tun, möchten anderen nicht unbedingt einen Brief schreiben. Eine pragmatische Lösung besteht darin, statt („umständlich“) zu Papier und Stift zu greifen, eine E-Mail oder gar SMS zu schicken. E-Mails bestechen durch den dort gepflegten unkomplizierten Stil; sie wirken lockerer, stellen für den Schreiber eine deutlich geringere Hemmschwelle dar als ein Brief, dem das Odium des Formalen und (zu) Verbindlichen anhaftet. Das gilt noch stärker für SMS. Die meisten Schüler sind eh damit vertraut, sich kurze persönliche Botschaften per SMS zu schicken. Diese Vertrautheit kann man hervorragend nutzen, um gegenseitiges persönliches Feedback, das zunächst zum Teil noch im geschützten, quasi anonymen Raum stattfindet, zu trainieren. Für diesen Zweck können Handys im Unterricht ausdrücklich erlaubt werden – aber natürlich nur dafür!



Im
Buch geht es weiter:

-
Kriterien für Feedback

- Wie kann man Feedback geben?

- Konsequenzen und Erfolgskontrolle

Mehr online auf der sehr informativen Website von Marcel Romagosa aus Thun zum Thema „Feedback geben und nehmen“ mit einer Fülle professioneller Methoden für Feedback im Unterricht und in der Alltagskommunikation: www.webmusic.ch/feedback
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de