Unterrichtsgespräche
Keine andere Methode wird im Unterricht so häufig verwendet wie das Unterrichtsgespräch. Der gemeinsame Austausch, das gemeinsame Nachdenken über die Themen des Unterrichts ist immer ein wesentliches Merkmal von Unterricht gewesen. Es wird auch in Zukunft dazu gehören und ist wesentlicher Bestandteil auch eines zeitgemäßen Unterrichts, in dem das selbstständige Lernen – alleine, mit einem Partner und in kleinen Gruppen – einen hohen Stellenwert hat und einen deutlich größeren Umfang einnimmt als das im traditionellen Unterricht oft der Fall war.
Viele Unterrichtsgespräche verlaufen unbefriedigend
Nur wenige Schüler beteiligen sich am Gespräch; viele andere träumen vor sich hin, andere beschäftigen sich mit anderen Dingen, unterhalten sich mit Mitschülern oder stören den Unterricht. Die Gespräche verlaufen zäh; ein „roter Faden“ ist nicht zu erkennen; der Lehrer scheint auf etwas Bestimmtes hinaus zu wollen, es ist aber nicht klar, was das sein könnte; das Gespräch gleicht eher einem mühsamen „Stochern im Nebel“.
Viele Unterrichtsgespräche sind eher Lehrer-Schüler-Dialoge als ein gemeinsamer Austausch der Schüler. Das liegt daran, dass die Gesprächsführung des Lehrers darin besteht, pausenlos Fragen zu stellen, die dann zumeist von einem Schüler beantwortet werden, woraufhin der Lehrer eine weitere Frage stellt – usw.. Diese „Gespräche“ gleichen einem Ping-Pong-Spiel und tragen in sehr hohem Maße dazu bei, dass sich die Schülerinnen und Schüler „ausklinken“ und noch weniger am Gespräch beteiligen.
Häufig ähneln Unterrichtsgespräche eher einem unverbindlichen Smalltalk nach dem Motto „Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben ...“. Sie lassen die Ernsthaftigkeit, die Verbindlichkeit und vor allem klare Ergebnisse vermissen. Dann fragen (sich) die Schülerinnen und Schüler: „Worüber haben wir jetzt eigentlich geredet?“ Und vor allem: „Wozu haben wir eigentlich darüber geredet?“
Woran liegt’s?
Die intensivste „Ausbildung“ in Sachen Gesprächsführung erhalten alle Lehrerinnen und Lehrer in den 13 Jahren, in denen sie selber zur Schule gegangen sind. 13 Jahre lang konnten sie tagtäglich viele Stunden lang beobachten und verinnerlichen, wie Unterrichtsgespräche ablaufen. Nur sehr wenig konnten dabei professionelle Modelle studieren. Die überwältigende Mehrheit der Lehrer hat ein „Modell“ der Gesprächsführung quasi mit der Muttermilch aufgesogen, das sich durch die oben charakterisierten negativen Merkmale auszeichnet.
Die wenigsten Lehrer haben in ihrer Ausbildung praktikable und professionelle Alternativen kennen gelernt und einüben können. Besonders problematisch ist es u.E., dass die in der Lehrerausbildung vermittelten Modelle der Gesprächsführung nur selten geeignet sind, gangbare und vor allem erfolgreiche Alternativen der Gesprächsführung aufzuzeigen. In der Regel wirken sie eher kontraproduktiv und tragen dazu bei, die oben geschilderten Probleme zu perpetuieren und zu verstärken:
Das vermittelte Modell des „fragend-entwickelnden Gesprächs“ orientiert sich an dem humanistischen Ideal von Platons „sokratischem Dialog“, über Fragen zur Erkenntnis zu gelangen. Im Gegensatz zum Altmeister des kritischen Diskurses basieren die klassischen Lehrerfragen („Impulse“) zumeist darauf, selbst schon zu wissen, wo es lang gehen soll, statt sich fragend-zuhörend mit dem Gegenüber auseinander zu setzen – abgesehen davon, dass der echte „sokratische Dialog“ ja eigentlich eine Partner- oder Kleingruppenarbeit war und mitnichten ein Unterrichtsgespräch ...!
Der zweite Grund dafür, dass Unterrichtsgespräche zu häufig unbefriedigend verlaufen, ist darin zu suchen, dass Lehrer, die in ihrer Ausbildung mit einem wenig erfolgreichen Modell der Gesprächsführung konfrontiert wurden (ohne ausreichend Gelegenheit gehabt zu haben, die dort beschworene „Impulstechnik“ beispielsweise so zu üben, dass sie auch klappt) nach ihrem Referendariat nie wieder die Möglichkeit haben, ihre Gesprächsführungskompetenz zu trainieren und zu professionalisieren. Das Thema kommt in der Lehrerfortbildung schlicht nicht mehr vor. Offensichtlich gehen alle davon aus, dieses sei ein klassisches Thema der Ausbildung, dort sei es „durchgenommen“ und nun würde es „sitzen“. Obwohl sehr viele Lehrer unter ihrer mangelnden Gesprächsführungskompetenz und den unbefriedigenden Unterrichtsgesprächen leiden!
Das Thema kommt in der Fortbildung allerdings in anderem Gewande daher: Einerseits als „Gesprächsführung“ beispielsweise in der Beratungslehrerausbildung. Hier geht es um professionelle Beratungsgespräche und die Vermittlung der dafür erforderlichen Kompetenzen, beispielsweise das „aktive Zuhören“
(=> www.wahle.de/radio/zuhoeren.htm ) oder das „4-Ohren- / 4-Schnäbel-Modell“ von Schulz von Thun (aus “Miteinander reden”. Andererseits als „Moderationstechnik“ (beispielsweise als „Metaplan-Moderation“) zur Moderation von Konferenzen, Elternabenden und auch Unterrichtsgesprächen. Die erste Form der „Gesprächsführung“ berührt einen Spezialbereich und richtet sich nur an wenige Lehrerinnen und Lehrer, die sich für besondere (Beratungs-) Aufgaben qualifizieren, die zweite Form ist i.d.R. für den normalen Unterricht viel zu aufwendig und kommt deshalb dort nur selten zum Einsatz.
Dennoch sind es gerade diese beiden Zugehensweisen zum Thema „Gesprächsführung“, die Pate standen bei der Entwicklung eines eigenen Modells für die Gestaltung und Leitung von ertragreichen und lebendigen Unterrichtsgesprächen, das wir im Folgenden darstellen.
Was ist ein „Unterrichtsgespräch“?
Um das Thema von jeglichem ideologischen Ballast zu befreien („sokratischer Dialog“ usw.) verstehen wir unter Unterrichtsgesprächen alle Situationen im Unterricht, in denen ein gemeinsamer Austausch aller Schülerinnen und Schüler stattfindet. Ihr entscheidendes Merkmal ist identisch mit ihrem primären Ziel:
(Möglichst) alle – vorsichtiger ausgedrückt: möglichst viele – Schüler äußern sich nacheinander zu einem bestimmten Thema. Es spricht jeweils nur eine(r); die anderen hören zu. Nach Möglichkeit sollten sich die Beiträge auf die Äußerungen der anderen Gesprächsteilnehmer beziehen. Letzteres ist aber kein Muss und häufig auch nicht erforderlich.
Die Planung eines Unterrichtsgesprächs
Eine sichere Methode, mit Unterrichtsgesprächen zu scheitern, eine Garantie für zähe, unverbindliche „Gespräche“, die in Ping-Pong-Lehrer-Schüler-Dialoge ausarten, besteht darin, sie unvorbereitet „spontan“ entstehen zu lassen. Ein erfolgreiches Unterrichtsgespräch bedarf immer einer sehr genauen Planung und Vorbereitung – das gilt selbst für gestandene „Gesprächsführungs-Profis“!
Dazu müssen zunächst folgende Fragen geklärt werden...
... bitte weiter lesen im
Buch "Guter Unterricht"!
Dort geht es u.a. darum:
- Kriterien für die Formulierung geeigneter Gesprächsthemen
- Typische und geeignete Gesprächsthemen
- Gesprächsregeln
- Sieben Schritte auf dem Weg zu lebendigen, ertragreichen Unterrichtsgesprächen
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de

