Selbstständig lernen
Obwohl es seit vielen Jahren viele erfolgreiche Beispiele und Modelle gibt, sind Methoden des selbstständigen Lernens insbesondere in den Sekundarstufen der allgemeinbildenden Schulen nach wie vor wenig verbreitet. Lehrerinnen und Lehrer, die Formen des selbstständigen Lernens zum regelmäßigen und selbstverständlichen Bestandteil ihres Unterrichts machen, sehen sich immer wieder einem Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Das ist umso erstaunlicher, weil zunehmend aus Kreisen der Wirtschaft beklagt wird, dass Schulabgänger in der allgemeinbildenden Schule zu wenig gelernt hätten, selbstständig und in Teams Probleme zu lösen. Beklagt wird dies „Schmalspurdenken“ von Schülern, die ausschließlich auf Anweisung lernen und handeln könnten.
Nach wie vor heißt „selbstständiges Lernen“ in den meisten allgemeinbildenden Schulen spätestens ab Klasse 5: Stillarbeit, also das individuelle Ausfüllen von Arbeitsblättern im Gleichschritt: Alle Schüler tun dasselbe. Im Anschluss daran erfolgt in der Regel eine gemeinsame Ergebniskontrolle. Lernmethode Nummer eins ist und bleibt der klassische belehrende Frontalunterricht und das Lernen im Gleichschritt. Das gilt selbst noch für viele Grundschulen.
Die wichtigsten Gründe für selbstständiges Lernen
1. Veränderte Schüler
Kinder und Jugendliche von heute sind anders als früher. Über die negativen Entwicklungen wird in Lehrerzimmern oft geklagt: Die Schülerinnen und Schüler wüssten und könnten weniger als früher, sie könnten sich weniger konzentrieren, seien regelloser, aggressiver und weniger anstrengungsbereit als früher. Auf der anderen Seite attestieren Forschungsergebnisse Kindern und Jugendlichen von heute größeren Individualismus, der zu wachsender Heterogenität in der Klassen führt, gewachsenes Selbstvertrauen und u.a. eine Reihe „neuer“ Kompetenzen und Kenntnisse, was manchmal bereits im Grundschulalter dazu führt, dass Kinder ihren Lehrern in Kenntnissen und Verhaltensweisen überlegen sind. Mehr Informationen und Fakten hier: www.shell.de/jugendstudie.
Obwohl zum Teil dramatische Veränderungen allerorten konstatiert, oft sogar beklagt werden, werden daraus noch nicht immer spürbare Konsequenzen für den Unterricht gezogen. Selbstständiges Lernen ist eine sinnvolle Möglichkeit, den veränderten Kindern und Jugendlichen besser gerecht zu werden.
2. Erlernen von Schlüsselqualifikationen
Die Beherrschung von Schlüsselqualifikationen wird heute ganz selbstverständlich in vielen Stellenanzeigen gefordert. Die mangelnde Beherrschung von Schlüsselqualifikationen wird - nicht nur von Seiten der Wirtschaft fast so sehr beklagt wie die unzureichende Allgemeinbildung der Schulabgänger. In vielen Ausbildungsunternehmen steht deshalb das Thema „Nachhilfe in Sachen Schlüsselqualifikationen“ am Beginn der der betrieblichen Ausbildung im Betrieb. (Näheres dazu bei den Landes-Arbeitskreisen „Schule – Wirtschaft“: www.schulewirtschaft.de )
Die überlebensnotwendigen Schlüsselqualifikationen, deren Training im traditionellen Frontalunterricht zu kurz kommen, sind:
- Selbstständig Probleme zu lösen, statt vorgegebene Antworten auswendig zu lernen,
- kompetente Fragen stellen zu können, statt ausschließlich Fragen zu beantwortender
- Mut, Fehler zu machen, statt diese ängstlich zu vermeiden,
- mit anderen erfolgreich zu kooperieren, statt sich als Einzelkämpfer abzustrampeln,
- mit anderen erfolgreich zu kommunizieren, statt ihnen ängstlich aus dem Weg zu gehen.
Selbstständiges Lernen bietet von der Lernmethodik her geeignete Voraussetzungen zum Erwerb eben dieser Schlüsselqualifikationen.
Mehr zu Schlüsselqualifikationen: F. Didschies: Schlüsselqualifikationen trainieren. 7.-10. Jahrgangsstufe; Pb-Verlag 2002
3. Burn Out
Selbstständiges Lernen ist ein erfolgreiches Mittel gegen Burn-Out. Bei allen gut gemachten Formen des selbstständigen Lernens braucht der Lehrer zunehmend weniger als Disziplinator in Erscheinung zu treten, also als derjenige, der jederzeit alle und alles im Griff hat. Es ist deshalb kein Wunder, dass sich viele Lehrerinnen und Lehrer ab spätestens ab fünfzig erschöpft, „ausgebrannt“ fühlen: Die Zahl der Frühpensionierungen spricht Bände! Doch auch die Lehrer, die weiterhin vor der Klasse stehen, bleiben in einem Teufelskreis stecken: Wie soll ein „ausgebrannter“ Lehrer seine Schüler „entflammen“, für die Themen des Unterrichts begeistern? Und wer will es den dermaßen nicht-begeisterten Schülern verübeln, wenn sie gelangweilt, demotiviert und im schlimmsten Falle massiv störend reagieren?
Selbstständiges Lernen liegt deshalb nicht allein im Interesse der Lernenden, sondern genauso im Interesse der Lehrerinnen und Lehrer! Eine echte Win-Win-Situation!
Mehr zum Thema Burn Out:
Cary Cherniss: Jenseits von Burnout und Praxisschock; Beltz 1999
4. Mehr lernen
Last but not least: Alle aktuellen Untersuchungen zeigen, dass viele Ergebnisse schulischen Lernens unbefriedigend sind. Das nach wie vor zentrale Anliegen von Schule, das Können und Wissen von Schülern zu fördern, wird bei weitem nicht in dem Maße erreicht, wie es versucht wird. Dies allein müsste Grund genug sein, die bisherigen Wege, auf denen das Ziel erreicht werden sollte, kritisch zu hinterfragen. Nach wie vor aber heißt der am häufigsten benutzte (und deshalb allein schon ziemlich ausgetretene) Weg: Alle Schüler machen zur gleichen Zeit das Gleiche, im Unterricht redet immer nur einer, alle lernen immer dasselbe. Dass dieser Weg nicht ans Ziel führt, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Alternative Wege sind bekannt, die zumindest intensiver erprobt werden müssen: Formen des selbstständigen Lernens eröffnen Möglichkeiten, sind erfolgversprechende Wege dahin, dass Schüler mehr lernen, besser lernen, mehr behalten, mehr wissen und können und Gelerntes besser anwenden können.
Merkmale selbstständigen Lernens
Schüler arbeiten weitgehend selbstständig – d.h. ohne die direkte Instruktion der Lehrkraft.Sie können aus mehreren Lernangeboten auswählen.Sie arbeiten gleichzeitig an unterschiedlichen Aufgaben.Die Lernaufgaben sind interessen- und leistungsdifferenziert.Die Aufgaben werden allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen bearbeitet.Ergebnisse können mit Hilfe von Lösungsblättern selbst oder gegenseitig zu zweit korrigiert werden. Ergebnisse werden präsentiert, kommentiert und verbessert.
Methoden des selbstständigen Lernens
Im Offenen Unterricht ist das selbständige Lernen durchgängiges Unterrichtsprinzip. Es bezieht sich also nicht bloß auf den Bereich des Übens und Lernens, sondern beispielsweise auf die selbstständige Erarbeitung von Inhalten durch forschendes und entdeckendes Lernen und die Einbeziehung außerschulischer Lernorte. Den einzelnen wird hier viel Wahl gelassen, im individuellen Tempo, den eigenen Interessen folgend, sich Lernaufgaben zu suchen und sich an der Bewältigung weiterzuentwickeln. Eine gute Übersicht findet sich hier: www.offener-unterricht.de
Ausführliche Informationen: Michael Bannach / Lydia Sebold / Brigitte Wehmeyer: Wege zur Öffnung des Unterrichts; Oldenbourg 1997
Im Projektunterricht steht ebenfalls der Realitätsbezug des Lernens im Vordergrund sowie das Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Die Ergebnisse eines Projekts sind anfassbare Produkte, beispielsweise Broschüren, Plakate oder Spiele. . Eine Wirkung und Beeinflussung der Umgebung und Umwelt wird erhofft (Sehr übersichtlich und informativ: Dagmar Hänsel: Projektunterricht; Beltz 1999)
Im Werkstattunterricht bearbeiten die Schülerinnen und Schüler selbständig unterschiedliche Aspekte eines übergreifenden Themas- etwa die Frühlings-werkstatt. Dadurch, dass einzelne Schüler Experten („Chefs“) für bestimmte Bereiche sind, spielt der Gedanke der „Schüler als Lehrende" hier eine wichtige Rolle.
Tipps und Ideen:
Anders Weber: Was ist Werkstatt-Unterricht; Verlag an der Ruhr 1998
Stationenlernen ist eine weitere Spielart des selbstständigen Lernens. Nach dem Prinzip des „Zirkeltrainings" laufen die Schüler nacheinander verschiedene vorbereitete Lernstationen an.
Roland Bauer: Lernen an Stationen in der Grundschule; Cornelsen 1997;
ders.: Schülergerechtes Arbeiten in der Sekundarstufe I – Lernen an Stationen; Cornelsen 1997
Die Arbeit mit Wochenplänen ist gerade im Fremdsprachenunterricht verbreitet. Diese Arbeitspläne beziehen sich häufig auf die Arbeit mit dem Lehrbuch (Unit Plans). In ihnen sind Aufgaben zur selbständigen Arbeit formuliert. Sie beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume (eine bis mehrere Unterrichtsstunden).
Peter Huschke / Marei Mangelsdorf: Wochenplanunterricht; Beltz 1994Dieter Vaupel: Das Wochenplanbuch für die Sekundarstufe. Schritte zum selbständigen Lernen; Beltz 1998
Der Begriff Freiarbeit wird oft synonym verwendet für verschiedene Formen des selbstständigen Lernens. Im ursprünglichen Sinne wird darunter ein thematisch weniger zielgerichtetes Lernangebot im Klassenraum verstanden, das nicht unbedingt einem bestimmten Fach zugeordnet ist, aus dem die Schüler frei auswählen können. Häufig handelt es sich dabei um Lernangebote zum Üben und Wiederholen, möglich sind ebenso kleine projektorientierte Aufgaben. Eine gute, Übersicht:
Horst Bartnitzky / Reinhold Christiani: Die Fundgrube für Freie Arbeit – Das Nachschlagewerk für Einsteigerinnen und Fortgeschrittene; Cornelsen 1998.
Ebenso vielfältige Aufgaben und Lernangebote können als Lernkartei präsentiert werden. Das Typische der Lernkartei besteht darin, dass in der Regel jede Karte nur in wenigen Exemplaren einmal vorhanden ist und von mehreren Schülern nacheinander bearbeitet werden kann. Die Karten sind deshalb besonders schön gestaltet und laminiert. Andere Lernkarteien eignen sich besonders, um individuell Faktenwissen zu trainieren. Diese sind in der Regel so aufgebaut, dass auf der Vorderseite eine Frage und auf der Rückseite der Karte die jeweilige Antwort steht, beispielsweise selbst erstellte Vokabelkarteien. Besonders geeignet ist diese Form der Lernkartei, wenn sie nach dem 5-Fächer-Prinzip verwendet wird: Gewusster Stoff wandert jeweils ein Fach weiter (solange, bis er insgesamt viermal gewusst wurde) oder, falls nicht gewusst, bleibt er in Fach 1 (oder wandert dorthin zurück).
Ein typisches Beispiel für diese Form der Lernkartei ist das Grundwissen Allgemeinbildung. Lernkarteien zum „Selbstbau“ als Shareware per Downlaod: www.batzelt.de
Die zeitgemäßeste und wohl erfolgreichste Form des selbstständigen Lernens ist die Arbeit mit Computer und im Internet. Insbesondere die Beispiele der selbstständigen Arbeit mit Notebooks zeigen, dass das Lernen auf diese Weise wirklich eine neue Dimension erhält, weil in keiner anderen Lernform die Schülerinnen und Schüler das Lernen wirklich so deutlich zu ihrer Sache machen, weil sie nirgendwo sonst stärker bestimmen, was und wie sie lernen und dabei zugleich häufig eindrucksvolle Ergebnisse produzieren.
Das selbstständige Lernen mit Notebooks wird Schule und Unterricht drastisch verändern. Schüler, die weitgehend selbstständig Themen beispielsweise im Internet recherchieren und Ergebnisse und Produkte mit Hilfe der neuen Medien präsentieren, machen die traditionelle Beibring- und Belehrungsschule quasi von selbst überflüssig. Lehrerinnen und Lehrer sind in dieser neuen Schule nicht überflüssig; aber ihre Rolle und Aufgaben wandeln sich enorm. Und auch dieses geschieht fast von selbst – ob man es nun will oder nicht! In den USA gibt es bereits etwa 1000 „Laptop-Schulen“ (Ausführliche und differenzierte Infos auf der Anytime Anywhere Learning- Website), auch in anderen Ländern verbreitet sich das Lernen mit Notebooks immer mehr. In Deutschland gibt es ebenfalls erste Modellprojekte, beispielsweise an sechs Hamburger Schulen den (inzwischen beendeten) Notebook-Modellversuch im BLK-Förderprogramm „Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologie in Lehr/Lernprozesse“ (SEMIK) sowie die Arbeit mit Notebooks in der Lehrerausbildung am Landesinstitut Hamburg (=> Lernen mit Computer und Internet)
Präsentation "Individualisierter Unterricht - selbstständig lernen - "
Weiter lesen im Buch, u.a. zu diesen Themen:
- Probleme mit dem selbstständigen Lernen
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de

