Unterrichtsphasen
Die Phasen einer Unterrichtsstunde (oder –sequenz) sind so etwas wie die Kapitel eines Buches. Sie strukturieren den Ablauf, erleichtern die Übersicht, bringen Abwechselung und Tempo in die Stunde und bieten gleichzeitig immer wieder Halte- und Ruhepunkte, Gelegenheiten zur Neuorientierung und Aufmerksamkeit. Eine genaue Planung einzelner Stundenphasen erleichtert es dem Lehrer oder der Lehrerin, einerseits für methodische Vielfalt im Unterricht zu sorgen und andererseits den thematischen roten Faden der Stunde nicht aus den Augen zu verlieren.
Weil alle Menschen, kleine Kinder ebenso wie Erwachsene, besser lernen, wenn sie wissen, was „Sache“ ist, ist es wichtig, jede Phase einer Stunde mit einer eigenen klaren „Kapitelüberschrift“ zu versehen, aus der klar wird, worum es inhaltlich in der jeweiligen Phase geht und was der Inhalt mit dem Thema der Stunde zu tun hat. Es lohnt sich, diese Themen der einzelnen Unterrichtsphasen „schülergerecht“ zu formulieren, also so, dass die Schülerinnen und Schüler sich (von der ersten Klasse an!) etwas unter der jeweiligen Überschrift vorstellen können. Die Phasenthemen sollten sich weiterhin vor allem auf den Inhalt der Phase beziehen, weniger auf die Methode der Phase. Ein Hinweis zur Methode kann aber eine sinnvolle Ergänzung der Überschrift darstellen.
Unser Vorschlag für eine sinnvolle Einteilung des Unterrichts in Phasen beruht in erster Linie auf der Erkenntnis, dass sich guter Unterricht vor allem dadurch auszeichnet, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht etwas Wichtiges und Interessantes lernen können und dass dies umso erfolgreicher geschehen kann, je klarer es ist, was denn genau „Sache ist“, was also Wichtiges gelernt werden kann. Durch deutliche Unterrichtsphasen und klare „Kapitelüberschriften“ erleichtert der Lehrer oder die Lehrerin auf diese Weise seinen Schülerinnen und Schülern das Lernen und sich selbst das Unterrichten!
Beispiele für sinnvolle Unterrichtsphasen
1. Warming Up
Niemand mag lernen oder sich wirklich einlassen, wenn man gleich mit der Tür ins Haus fällt und dabei wohlmöglich noch schlechte Laune verbreitet. Denn wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es daraus hervor. Deshalb klappt es mit dem Lernen einfach besser, wenn der Lehrer erst einmal Kontakt zu seinen Schülerinnen und Schülern herstellt und gute „Lernlaune“ schafft. Vorschläge dazu im Kapitel => Unterrichtseinstiege.
2. Das Stundenprogramm
Alle Menschen lernen besser, wenn sie wissen,
- worum es geht,
- was gelernt werden kann,
- warum das wichtig oder interessant ist,
- und auf was sie sich einlassen sollen.
Das gilt für Erstklässler genauso wie für Studenten, Referendare oder Lehrer. Deshalb macht ein Stundenprogramm so viel Sinn! Die Veröffentlichung des Stundenprogramms zu Beginn der Stunde (nicht unbedingt als erstes!) dient auch der sinnvollen Ritualisierung und schafft damit einen Rahmen von Verlässlichkeit und Klarheit.
Zum Stundenprogramm gehören:
- Das Thema der Stunde: Natürlich schülergerecht, auf den Punkt und eher „spritzig“ formuliert! Also nicht: „Die schriftliche Multiplikation“, sondern: „Schriftlich einfacher multiplizieren“.
- Die Begründung des Themas.
- Die Themen (und ggf. Methoden) der einzelnen Phasen (die „Kapitelüberschriften“) und die geplante Dauer der einzelnen Phasen.Beispiele und genaue Erläuterungen im Kapitel => Unterrichtseinstiege.
3. Inhalte von vorausgegangenen Stunden wiederholen – oder: Das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler zum Thema klären
Das kurze Wiederholen bereits behandelter Inhalte ist der traditionelle Stundeneinstieg per se. Es macht auch Sinn, sich durch eine kurze Wiederholung zu vergegenwärtigen, was man bereits gelernt hat, was man weiß und kann (oder auch nicht). Das muss ja nicht in der Weise geschehen, wie es leider immer noch vorkommt: „Was haben wir man noch letzte Stunde gemacht?!“ Geeignet sind ein kurzes Unterrichtsgespräch nach den „Regeln der Kunst“ (siehe das Kapitel => Unterrichtsgespräche) ebenso wie die spielerische Wiederholung des Stoffes, zum Beispiel in Form von Quizspielen. Zahlreiche Vorschläge dazu finden sich im Kapitel => Unterrichtseinstiege.
Bei allen neuen Themen, Inhalten, Problemstellungen macht es grundsätzlich Sinn, die Schülerinnen und Schüler in einem Unterrichtsgespräch zunächst zu fragen, was sie zu der Sache bereits wissen. Dies darf natürlich nicht „pro forma“ geschehen, sondern der Lehrer muss in seinem Unterricht mit diesen Vorkenntnissen oder Kompetenzen auch arbeiten, darauf Bezug nehmen, sie vertiefen und ggf. klären oder richtig stellen.
Eine weitere sehr sinnvolle Form, die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler zu erfragen, besteht darin, dass sie zu bestimmten Fragen, Sachverhalten, Phänomenen oder Problemen zunächst eigene Hypothesen formulieren. Doch Vorsicht! Dies macht nur dann Sinn, wenn es überhaupt möglich ist, per eigener Geistesanstrengung und / oder aufgrund von Vorwissen Hypothesen formulieren zu können! Das ist häufig aber nicht möglich, oft auch wenig sinnvoll und letztlich nur dann ertragreich, wenn mit diesen Hypothesen wirklich gearbeitet wird. Die Schüler müssen also Gelegenheit haben, die Hypothesen zu überprüfen. Zu oft führt das beliebte „Äußern von Vermutungen“ unnötig vom Wege ab, weil der Lehrer letztlich nur auf ein festgelegtes Ergebnis hinaus will und die Schüler mit ihren Vermutungen bloß raten, was das wohl sein könne.
4. Info + Unterrichtsgespräch dazu
Die Alternative zum erarbeitend-fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch heißt: Info. Es gibt viele Dinge, die sinnvoller, besser und nachhaltiger durch gut gemachte Infos vermittelt und geklärt werden können als durch lähmend-ermüdende Frage-Antwort-Spiele zwischen dem Lehrer und wenigen einzelnen Schülern. Das Info kann vom Lehrer oder der Lehrerin gegeben werden (mehr dazu und Beispiele im Kapitel => Lehrerinfo) von einem Schüler oder einer Schülergruppe (siehe Kapitel => Ergebnisse präsentieren).
Zu jedem guten Info gehört immer ein kurzes anschließendes kurzes Unterrichtsgespräch nach den Regeln der Kunst unter der Frage: Mein „Aha-Erlebnis“! Also: Was habe ich Neues, Interessantes, Be-merkenswertes erfahren oder gelernt bzw. was ist offen geblieben, was habe ich nicht verstanden?
5. Arbeitsauftrag
Ein gut gestellter Arbeitsauftrag ist nichts anderes als ein gut gemachtes Info. Deshalb gelten alle Kriterien für gute Lehrerinfos gleichermaßen für alle Arbeitsaufträge!
6. Selbstständige Arbeit
In jedem guten Unterricht wird es eine Phase der selbstständigen Schülerarbeit geben. Diese kann und wird natürlich auch häufig Elemente der selbstständigen Informationsrecherche allein oder in Gruppen beinhalten und dadurch eine explizite Info-Phase überflüssig machen! In jedem Falle ist die Phase der selbstständigen Schülerarbeit mehr als die klassische „Stillarbeit“, denn selbstständiges, aktives und vor allem erfolgreiches Lernen ist nun einmal auch mit Geräusch verbunden, weil man sich beim Lernen sinnvollerweise mit anderen austauscht!
Und: Sinnvolle selbstständige Arbeit im guten Unterricht ist mehr als Üben, Trainieren, Wiederholen, also vor allem mehr als das bloße Ausfüllen von Arbeitsblättern! Sicherlich gehört auch das von Zeit zu Zeit dazu und macht – gewissermaßen als „Fitness-Training“ – auch Sinn, aber, wie gesagt, in Maßen! In jedem Fall sollten die Schülerinnen und Schüler die Ergebnisse ihrer Arbeit in solchen Trainingsphasen selbst (oder mit einem Partner) kontrollieren, beispielsweise mit Hilfe von Lösungsblättern. Für eine gemeinsame Ergebniskontrolle solcher Arbeitsblätter im „Unterrichtsgespräch“ ist die Zeit wirklich zu schade! Vor allem, weil der Lerneffekt für die einzelnen Schüler i.d.R. gleich Null ist.
Ausführliche Informationen zur selbstständigen Arbeit im Kapitel => Selbstständig lernen und in "Mein Methoden-Portfolio - Selbstständig lernen".
7. Ergebnisse präsentieren
Die Phase, in der die Schülerinnen und Schüler Ergebnisse der selbstständigen Arbeit präsentieren, gehört zu den besonders anspruchsvollen und schwierig zu gestaltenden Unterrichtsphasen. Das liegt einerseits daran, dass die Phase am Ende einer Stunde oder Unterrichtssequenz liegt, wo die Aufmerksamkeit und Konzentration der Schülerinnen und Schüler natürlich nachgelassen hat. Zum anderen vergisst man als Lehrer oft, diese Phase besonders sorgfältig zu planen, weil sie doch ein vermeintlicher „Selbstgänger“ ist – nach dem Motto: „Wer will denn noch mal seine Ergebnisse vorführen?“ Im besten Falle – zumeist in der Grundschule – sind die Kinder stolz, sich und ihre Ergebnisse präsentieren zu dürfen. Das Interesse der anderen, der „Zuschauer“ hält sich dabei aber oft in Grenzen: Kein Wunder, sie haben sich ja bereits selbst intensiv mit der gleichen Sache beschäftigt und warten jetzt eher ungeduldig auf ihren „Auftritt“. Ab Klasse 5 sinkt auch das Interesse an der eigenen Präsentation. Die Schülerinnen und Schüler tun sich zunehmend schwerer damit, vor ihren Klassenkameraden zu stehen und etwas zu präsentieren. Das Problem der Aufmerksamkeit der „Zuschauer“ bleibt in gleicher Weise erhalten wie in der Grundschule. Wie man diese Probleme umgehen kann und wie man professionelle Präsentationen gestaltet, kann man nachlesen im Kapitel => Ergebnisse präsentieren.
8. Stundenschluss
Zu einer guten Stunde gehört immer auch ein guter Schluss. Stunden, die am Ende beiläufig „zerfließen“, vermitteln allen Beteiligten den Eindruck, dass die Stunde selbst (und damit der Inhalt, um den es ging) wohl nicht so wichtig waren. Das wohl am häufigsten verbreitete Ritual zum Stundenschluss ist das Erteilen der Hausaufgabe. Interessantere und sinnvollere Alternativen finden sich z.B. im Kapitel => Feedback.
Die hier vorgestellten Beispiele für Unterrichtsphasen sind Möglichkeiten für die sinnvolle Gestaltung und Phasierung von gutem Unterricht. Sie sind selbstverständlich kein schematisches Korsett. Guter Unterricht kann auch ganz anderes phasiert sein. Und guter Unterricht wird manchmal beispielsweise nur aus einem Teil der genannten Phasen bestehen. Der Ablauf mit acht Phasen bietet aber ein gutes Gerüst, aus dem sich mit Sicherheit guter Unterricht „bauen“ lässt. Dieser Ablauf eignet sich selbst-verständlich auch für Unterrichtssequenzen, die länger als eine Stunde dauern.
Damit die didaktische Absicht der Phasierung wirksam werden kann, ist eine deutliche Trennung der einzelnen Phasen von großer Wichtigkeit. Vorschläge dazu liefert das Kapitel => Unterrichtsphasen trennen.
Mehr zu Unterrichtsphasen im Buch "Guter Unterricht"!
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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de

