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Zum erzieherischen Einfluss von Lehrern


Die Schule soll heute in immer stärkerem Maße „erzieherische Aufgaben“ wahrnehmen. Erziehungswissenschaftler und Bildungspolitiker messen der Erziehungsfunktion von Schule einen hohen Stellenwert bei. Demnach ist in einem „Haus des Lernens“ der Lehrer von heute und von morgen nicht in erster Linie „Stoffvermittler“, sondern mindestens gleichberechtigt auch Erzieher. Vor dem Hintergrund spürbar veränderter Kinder und Jugendlicher
(=> www.shell-jugend2002.de und Jürgen Zinnecker u.a.:Null zoff und voll busy. Die erste Jugendgeneration des neuen Jahrhunderts; Leske & Budrich 2002), die zu einem immer größer werdenden Teil aus „unvollständigen“ oder „Patchwork“- Familien kommen, soll die Schule einen zunehmenden Teil der zu Hause unzureichend wahrgenommenen Erziehungsaufgaben übernehmen

Immer weniger Erziehung zu Hause


Viele Lehrer nehmen immer deutlicher den abnehmenden erzieherischen Einfluss von Eltern wahr. Nur in den wenigsten Familien stehen heute den Kindern (und Jugendlichen!) nach der Schule Eltern zur Verfügung, die Zeit, Muße und Interesse haben, sich in Ruhe und mit voller Aufmerksamkeit den Sorgen, aktuellen Themen und Erlebnissen ihrer Kinder zu widmen. Das gilt sehr oft in so genannten vollständigen Familien genauso wie bei allein erziehenden Eltern oder in Patchwork-Familien, in denen neben Vater oder Mutter noch ein neuer Lebensgefährte der Eltern „mitmischt“. Väter spielen nach wie vor auch in vielen „vollständigen“ Familien als wirklich anwesende Erzieher, als Spiel- und Gesprächspartner eine geringe Rolle. Die vielen Eltern, die nicht die notwendige Zeit und Muße aufbringen können, sich angemessen ihren Kindern zu widmen, suchen nach schnellen (Not-)Lösungen. Die „beste“, einfachste und schnellste Lösung besteht darin, die Kinder vor den Fernseher (oder ein Video- bzw. Computerspiel) zu setzen. Die Kinder sind ruhig und „zufrieden“ und die Eltern haben (erst mal) Ruhe, sich um ihre Sachen zu kümmern. Das schlechte Gewissen, das Eltern dabei haben, beruhigen sie immer häufiger durch materielle Verwöhnung ihrer Kinder. Schlimmer noch: Viele Kinder sind zu Hause einem erzieherischen Wechselbad von Zuckerbrot und Peitsche ausgesetzt. Gestresste Eltern sagen heute hüh und morgen hott. Sie zeigen Stressreaktionen, sie schimpfen und brüllen manchmal aus heiterem Himmel, um im nächsten Moment (fast) alles zu erlauben oder ihre Kinder mit Mitbringseln und Geschenken zu überraschen. Kein Wunder, dass heute so vielen Kindern die Orientierung fehlt. Ihnen fehlt vor allem Verlässlichkeit, ihnen fehlen klare Regeln und oft fehlen ihnen Vorbilder. Auch Vorbilder, an denen man sich reiben kann und muss.

Der erzieherische Einfluss von Erwachsenen...


... insbesondere auf Jugendliche in der Pubertät wird oft überschätzt. So entscheidend wichtig es für das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ist, dass es erwachsene „Erzieher“ gibt, die Zeit und Interesse für Kinder haben, die ihnen Vorbild und Widerpart sind, wird auf der anderen Seite der „erzieherische Einfluss“ von Erwachsenen bzw. deren tatsächliche Einflussmöglichkeit häufig überschätzt. Das zeigt einerseits die kritische Analyse von Erfahrungen mit eigenen (oder fremden) Kindern und Schülern und wird andererseits durch aktuelle Veröffentlichungen gestützt. Am deutlichsten werden diese beiden Pole in zwei lesenswerten amerikanischen Veröffentlichungen charakterisiert:Judith Rich Harris: Ist Erziehung sinnlos? (Rowohlt 2000)

Diane Ehrensaft: Wenn Eltern zu sehr ... (Klett-Cotta 2000) Lehrer wehren einerseits die an sie gestellten Erwartungen als „Ersatz-Erzieher“ ab, weil sie darin zurecht eine Überforderung sehen, der sie nicht gerecht werden können. Andererseits überschätzen gerade Lehrer häufig ihren erzieherischen Einfluss. Das liegt vermutlich daran, dass Lehrer, die wenig „selbst-geklärt“ sind, auch das Gefühl brauchen, gebraucht zu werden und natürlich das Gefühl, selbst wichtig zu sein.

Tatsächlich zeigen aktuelle Untersuchungen (siehe: Harris), dass der Einfluss der Peergroup, also der Gleichaltrigen, der Freunde, der Klassenkameraden, spätestens ab der Vorpubertät den der erwachsenen Erzieher bei weitem überwiegt und auch bereits im Kindesalter bedeutsam ist. Weil in der Phase der Pubertät zusätzlich der Wunsch (und die Notwendigkeit) nach Abgrenzung zur Erwachsenenwelt hinzu kommt, schwinden die erzieherischen Einflussmöglichkeiten von Eltern und Lehrern noch weiter.
(Siehe: Hubert Wißkirchen: Die heimlichen Erzieher; Kösel 2002)

Gerade in dieser Phase des Jugendalters gewinnen die – mehr oder weniger „heimlichen“ – Miterzieher, vermittelt über den enormen Einfluss der Peergroup, eine wachsende Bedeutung: Aktuelle Trends der Jugendkultur, Fragen des Konsums, der „richtigen“ Marke, der angesagtesten TV-„Formate“, Filme, Stars, Musik, Video- und Computerspiele...
Gerade bei diesen Themen reden Eltern und Lehrer gerne mit und versuchen, erzieherisch tätig zu werden. Für Jugendliche sind die Bemühungen, ihre Themen und Interessen pädagogisch zu „hinterfragen“ meistens nur lächerlich. Bewirkt wird damit zumeist das Gegenteil dessen, was erzieherisch beabsichtigt wurde. Besonders unglaubwürdig wird der pädagogische Zeigefinger von Eltern und Lehrern, die eine „kritische Haltung“ gegenüber bestimmten Fernsehformaten, Videospielen, Filmen usw. usw. einfordern und gleichzeitig pädagogisch „Wertvolles“ anpreisen („ein gutes Buch“!), wenn die erwachsenen Kritiker das Kritisierte gar nicht wirklich kennen oder von den kritisierten Themen oder Gegenständen selbst keine oder wenig Ahnung haben. Das gilt beispielsweise für den Umgang mit dem Computer oder dem Internet.

Dennoch gibt es keinen Anlass zu resignieren. Trotz allem können Lehrer auch heute konstruktiv erzieherisch tätig sein!

Mehr zu den Möglichkeiten von Lehrern, „erzieherischen Einfluss“ auszuüben,
im
Buch "Guter Unterricht"!

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(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de