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Das Letzte: Pädagogische Unwörter ;)

"An der Lehrkräftekonferenz nahmen neben den Lehrerinnen und Lehrern einige Referendarinnen und Referendare sowie drei Studierende teil." oder: Vom Aussterben deutscher Gattungsbegriffe.

In dem eifrigen Bemühen um politisch-überkorrektes „Gender Mainstreaming“ geraten einfache „Gattungsbegriffe“ der deutschen Sprache in Vergessenheit, zumindest dort, wo man sie am meisten gebraucht: Immer mehr Lehrer und Schüler, Studenten und Referendare meinen, das dürfe man jetzt nicht mehr sagen. Ängstlich schreiben Referendare in ihren Hausarbeiten oder Unterrichtsentwürfen, dass wenn sie von „Schülern“ redeten, sie selbstverständlich auch die Mädchen "mit meinen" würden.
Einfach nur von „Lehrern“ (usw.) zu sprechen ist offenbar mindestens so politisch unkorrekt, wie etwa von „Zigeunern“ zu reden. Dass jeder Text und jede Rede durch die Aufzählung der männlichen und weiblichen Formen gänzlich unverständlich und unerträglich lang wird, wird in Kauf genommen, weil so nun endlich dem „Gender Mainstreaming“ angemessen Rechnung getragen werde (in Wikipedia ganz einfach erklärt als „Integration der Gleichstellungsperspektive“, „durchgängige Gleichstellungsorientierung“ - aha!).

Bevor „Gender Mainstreaming“ in Mode kam, ist niemand auf die Idee gekommen, bei „Studenten“ handele es sich (trotz des maskulinen Genus des Gattungsbegriffs) ausschließlich um Männer. Trotzdem wurden das bürokratische Unwort „Studierende“ erfunden, um so „elegant“ die „Studentinnen und Studenten“ zu umschiffen. Vielleicht sollte man es bei den „Schülerinnen und Schülern“ analog mit „Lernende“ versuchen, aber wahrscheinlich ist den meisten Lehrern klar, dass das ein arg übertriebener Euphemismus wäre… Die armen Lehrer aber wurden von den „Mainstreamern“ nicht etwa zu „Unterrichtenden“ gemacht, sondern mit dem entsetzlichen Begriff „Lehrkraft“ etikettiert. „Guten Tag, Unruh, ich bin die Lehrkraft hier.“

Doch das ist nicht genug des Wahnsinns. An mindestens einer Hamburger Schule finden tatsächlich seit neuestem „Lehrkräftekonferenzen“ statt! Diese sollte man dann wohl in der Regel im Lehrkräftezimmer abhalten. Hoffentlich muss sich angesichts dieses Wortwahns dann niemand übergeben und mal ganz schnell auf die Lehrkräftetoilette!

Zur Zeit kommt wohl kein Text aus dem kultusbürokratischen Umfeld aus, ohne darin mit Nachdruck die Nachhaltigkeit der verkündeten Maßnahmen zu beschwören, Maßnahmen, die im Zweifel immer dazu dienen Synergieeffekte (will sagen “Einspareffekte”) auszulösen... In der Schweiz werden solche Maßnahmen z.B. der “Schulentwicklung” dann vozugsweise aufgegleist, das bedeutet “in die Wege geleitet” (danke für den Hinweis, Albrecht Hügli!). Mal sehen, wann auch deutsche Kultusbürokraten dieses Unwort für sich entdecken!

Eindrucksvolle Aha-Erlebnisse zum Thema „Bürokraten-Deutsch“ bietet der Klassiker von Erhard Eppler: Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache; Suhrkamp 1992. Auch lohnend für alle, die Impulse und Anregungen suchen, es selbst besser zu machen. Ebenfalls lohnend und hilfreich: Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben; Rowohlt 1994. Das Kapitel „den akademisch-bürokratischen Jargon zertrümmern“ bietet gute Tipps.

runterbrechen
Schon mal was von “Runterbrechen” gehört? Klingt nach Wörterbuch des Unmenschen oder schlimmen Krankheitssymptomen. Weit gefehlt! Wer das Wort im pädagogischen oder gar wissenschaftlichen Umfeld gerne verwendet, meint wohl so etwas wie “vereinfachen”. Aber das klingt so - “einfach”!

Der / die LehrerIn
Die Unsitte des unaussprechlichen großen I gibt es im echten Leben nur bei LehrerInnen und SozialpädagogInnen. Sonst würde es einem auch wirr im Kopf werden vor lauter TeilnehmerInnen und BürgerInnen und KfZ-MechanikerInnen und - ehrlich! - UserInnen und überhaupt... Deshalb schreibe ich von Lehrerinnen (usw.) - natürlich mit kleinem i - , wenn ich die weiblichen Lehrer (und nur die) meine. Alles klar!?

fremdsprachenerwerbspsychologisch:
“Der Referendarin können in hohem Maße fermdsprachenerwerbspsychologische Kenntnisse als Grundlage fachdidaktisch begründeter Unterrichtskonzeptionen und -durchführungen bescheinigt werden.” So stand es wörtlich in einem “Bewährungsbericht” und nicht etwa in einem Lehrbuch für gutes Deutsch, um zu zeigen dass allein die Anzahl der Silben eines Wortes ein sicheres Indiz für seine (Un-) Verständlichkeit ist! “Nichts ist einfacher, als sich schwierig auszudrücken, und nichts ist schwieriger, als sich einfach auszudrücken” sagte Heinrich Waggerl. Wie wahr!

Es ist immer wieder atemberaubend, zu welch vernebelnder Sprachakrobatik manchmal ausgerechnet Deutschlehrer fähig sind! In einem aktuellen Hamburger Lehrplanentwurf heißt es beispielsweise: "Ein auf kommunikative Bedürfnisse ausgerichteter Sprachunterricht muss auf die planmäßige Vermittlung grammatischer Strukturen achten. Auswahl, Einführung und Einübung dieser Strukturen richten sich nach ihrem jeweiligen kommunikativen Stellenwert, d.h. ihrem Nutzen für die Textrezeption und Textproduktion der Schülerinnen und Schüler." Will sagen: Grammatik dient dazu, Texte zu lesen, zu verfassen und vor allem die Sprache zu sprechen. Oder?!

Kleinschrittige Erarbeitung:
Das ist Unterricht nach dem Modell “Ikea-Aufbauanleitung” oder: Warum einfach, wenn´s auch kompliziert geht? Die in früheren Zeiten oft beschworene “Kleinschrittigkeit” (die - wohl nicht von ungefähr - aktuellen Wörterbüchern unbekannt ist, ebenso wie das dazu gehörige Adjektiv) geht aus von Schülern, die für das große Ganze (noch) zu dumm sind und deshalb immer nur kleine Häppchen verdauen können. Leider funktioniert sie meist genauso schlecht wie die Bastelanleitungen von Ikea.

verorten:
“Wir sollten das Thema Rechtsradikalismus im Gewalt-Kapitel verorten.” Aber damit das auch nützt, solltet ihr vielleicht erst mal richtiges Deutsch lernen ...!

Playdate
“Nach dem Hockey hat Philippe noch ein Playdate! Vielleicht rufst du später noch mal an!” Klingt irgendwie nach “Playmate” - aber das war hier wohl nicht gemeint, oder?!

Paradigmenwechsel:
Klingt fremdländisch und bedeutend, irgendwie altgriechisch und philosophisch. Wer sich bedeutungsschwanger über die Veränderungen in der modernen Welt, in der Schule, im Unterricht, bei der Jugend von heute und ihren gewandelten Werten und überhaupt auslassen will, ohne dabei konkret zu werden und die Dinge wirklich beim Namen zu nennen, der beschwört den “Paradigmenwechsel”. Irgendwie passt der sowieso immer und überall. Die ersten Treffer bei der Suchmaschine Google bieten: Paradigmenwechsel bei Werbetreibenden, in der Bewusstseinsforschung, in der Wissenschaftspublizistik, in der Produktion, im Management .... Wer bietet mehr?!

Verschriftlichen:
Von diesem Modewort kann man wirklich eine Papierstauballergie bekommen! Wenn überhaupt, heißt es “verschriften”(oder sagen Sie etwa “verwurstlichen”?!), gehört aber immer noch in die Kategorie “akademisch-bürokratischer Jargon”, den man, wie Wolf Schneider (“Deutsch fürs Leben”) richtig schreibt, “zertrümmern” sollte! Wer etwas schreiben oder aufschreiben will, soll´s sagen - und zwar ganz einfach und genau so!

ADS-Kind:
Endlich haben Mediziner die ultimative Zuschreibung für alle Unterrichtsstörer und Zappelphilippe erfunden: Diese Kinder leiden unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Zum Glück ist ADS medikamentös zu unterdrücken: Ritalin heißt das Wundermittel, mit dem die Pharmaindustrie in den USA bereits Viagra-ähnliche Umsätze erzielt ... Deshalb heißen ruhig gestellte “ADS-Kinder” bei erleichterten Pädagogen nun “Ritalin-Kinder”.

Einführen:
Ein Lieblingswort vieler Lehrerinnen und Lehrer! (“Nächste Woche werde ich den Zehnerübergang einführen.” “Ich habe heute das Passiv eingeführt.” Ein Begriff, welcher der medizini- schen Terminologie entstammt - und besser dort auch bleiben sollte! Das Bild, einen “Stoff” einzuführen, lässt bestenfalls an leere Fässer denken, die gefüllt werden müssen - natürlich vom Lehrer. Einen Vorgang, der mit zeitgemäßem Unterricht wenig zu tun hat - nicht zuletzt, weil die “Fässer”, mit denen es die Lehrer zu tun haben, schließlich mitnichten leer sind!

Implementation
Das Modewort schlechthin im Rahmen von Schulentwicklung: Ein Schulprogramm wird implementiert, um anschließend “nachhaltig wirksam” zu sein (hoffentlich ...!). Abgesehen davon, dass kaum einer das Wort versteht und dabei besten- falls an Silikon denkt (Implantation...), wird es von seinen Protagonisten schlicht falsch verwendet:
Implementation bedeutet laut Langenscheidt Fremdwörterbuch: “(Politik) Die Einführung von Gesetzen”. Der verwandte Begriff Implemetierung bedeutet: “(EDV) Einbindung eines Programms oder Programmteils in ein Computersystem.

Umwälzen
Ein Lieblingswort aller Fremdsprachendidaktiker. Sie meinen damit, dass das fremdsprachliche Vokabular häufig angewendet und wiederholt wird. Das sollten sie auch sagen und das Umwälzen den Ingenieuren und Pumpen überlassen!

Vorentlasten
Darunter wird in der Fremdsprachendidaktik das Einführen neuer Vokabeln verstanden. Ein unbekannter Text mit neuen Vokabeln wird auf diese Weise “vorentlastet”. Schade nur, dass dieses Procedere für die Schüler zumeist genau das Gegenteil einer Ent-lastung darstellt - und darüber hinaus nur selten etwas bringt ...

Auf- (bzw. ab-)kursen
Bedeutet an Gesamtschulen der Wechsel in einen höheren (bzw. niedrigeren) Leistungskurs. Besonders unappetitlich wird dieses Unwort, wenn man sein Partizip verwendet: Susanne wurde abgekurst.


(c) Thomas Unruh - www.guterunterricht.de