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Respekt erlangen

Wenn Schüler dann spuren, ist das allerdings kein Ausdruck von Respekt. Aber: Schüler wollen Lehrer, vor denen sie wirklich Respekt haben. Das meinen Schüler auch, wenn sie sich „strenge“ Lehrer wünschen! Keine (letztlich hilflosen) Tyrannen, Zyniker, Brüller oder Unterdrücker, sondern Persönlichkeiten, vor denen man wirklich Respekt haben muss und kann.

Was können Lehrer tun, um echten Respekt zu erhalten und um eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts im Klassenraum herzustellen?


Überprüfen Sie, wie Sie Ihren Schülern begegnen und was Sie von ihnen halten

Auch wenn es manchmal sehr schwer fällt: Wer Respekt von anderen erwartet, muss anderen respektvoll begegnen. Das ist natürlich überaus schwierig, wenn einem beispielsweise ein pubertierender türkischer Super-Macho frech und provozierend begegnet mit der Ausstrahlung: „Von Ihnen lass ich mir gar nichts sagen!“ oder sich ein Jung-Nazi mit rassistischen Pöbeleien in den Mittelpunkt stellt. Das sind Extreme, aber auch hier gilt: Der (erwachsene!) Lehrer muss es schaffen, cool zu bleiben und trotz allem auch diesen Jugendlichen korrekt, höflich und respektvoll zu begegnen. Das ist erstens wichtig, weil das laute, unangemessene, provozierende Verhalten mancher Jugendlicher ja gerade Ausdruck eigener Unsicherheit ist und des Gefühls oder der Angst, selbst nicht wirklich oder nicht genügend respektiert zu werden, vor allem, wenn sie mitten in der Pubertät stecken. Und zweitens: Wer als Lehrer Respekt erlangen will, muss seinen Schülern auch ein Vorbild sein, ein Vorbild für sachlichen, korrekten Umgang, auch wenn es hoch hergeht, ein Vorbild für das respektvolle Verhalten, das der Lehrer in der Regel ja selbst immer predigt.


Der Lehrer muss natürlich mit allen Schülern respektvoll umgehen. Kinder und Jugendliche haben ganz feine Antennen dafür, was der Lehrer von ihnen hält. Und sie werden nur schwer Respekt für jemanden empfinden, der wenig von ihnen hält, der sie vielleicht für dumm, frech oder faul hält. Und schlimmer noch: Die „self-fulfilling prophecy“, die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, wirkt! Das heißt: Wen der Lehrer – und sei es nur unterschwellig oder sogar nur unbewusst – als destruktiv, langsam, frech, schwierig und so weiter ansieht, der ist es auch wirklich und wird es weiter bleiben! Glücklicherweise wirkt die „selfulfilling prophecy“ auch anders herum: Wer vom Lehrer implizit mit positiven Attributen bedacht wird, verstärkt diese positiven Verhaltensweisen und Eigenschaften!


Wie kann man es schaffen, allen Schülern respektvoll und ohne Vorbehalte zu begegnen?


Entwickeln Sie aufrichtiges Interesse für den anderen: Versuchen Sie, Ihre Schüler wirklich kennen zu lernen: Wer ist das hinter dieser harten, distanzierten, vielleicht sogar unangenehmen und unsympathischen Fassade? Seien Sie offen und aufrichtig interessiert – ohne jede therapeutische Attitüde, die den anderen und sein Verhalten „wissend“ interpretiert – und dem anderen damit wiederum unausgesprochen Unterlegenheit, ja Minderwertigkeit attestiert. Aufrichtiges Interesse zeigen heißt vor allem: aufmerksam zuhören können – ohne jedes vorschnelle „ja, aber…“, heißt auch Sichtweisen und Darstellungen zunächst ohne Interpretation und Stellungnahme stehen lassen zu können. Aufrichtiges Interesse bedeutet weiterhin, sich auch mit Themen, Auffassungen, Vorlieben, Sichtweisen, Hobbies, die einem selbst sehr fremd sind, die man möglicherweise selbst ablehnt, so auseinandersetzen zu können, dass der andere nicht das Gefühl erhält, als Person abgelehnt oder pädagogisch beeinflusst zu werden. Diese Haltung des aufrichtigen Interesses, des aufmerksamen Zuhörens und des unvoreingenommenen Blicks zu entwickeln, erfordert ein hohes Maß an persönlicher Veränderungsbereitschaft, an Selbstdisziplin und selbstkritischem Blick. Sie ist aber eine zentrale Voraussetzung dafür, Respekt zu erhalten und dafür, selbst tatsächlich erzieherischen Einfluss nehmen zu können! Diese essentielle Notwendigkeit des aufrichtigen Interesses heißt also überhaupt nicht, disziplin- und respektloses Verhalten von Schülern zu entschuldigen, nach dem Motto „schwere Kindheit…“. Sie ist aber der Zentralschlüssel für Respekt und dafür, als Lehrer wirklich Einfluss nehmen zu können.

Damit dies gelingen kann, sollte der Lehrer üben, seinen nur zu verständlichen Ärger und die damit verbundenen Emotionen zu kontrollieren! Wer sich von seinen Gefühlen bei seinem professionellen Handeln (also in der Rolle des Lehrers) übermannen lässt, ist immer in der Gefahr, dem anderen respektlos zu begegnen, ironisch, vielleicht sogar zynisch, unter Umständen beleidigend und meistens viel zu laut zu sein. Natürlich gibt es immer wieder Situationen im Unterricht, in denen einen einzelne Schüler zur Weißglut bringen können. Und die meisten Lehrer meinen die Erfahrung gemacht zu haben, dass es dann nützt, so einen Störer mal so richtig zusammenzufalten. Der kurzfristige Erfolg täuscht aber. Wer Schüler beleidigt, öffentlich bloßstellt, beschimpft, anschreit, verliert nachhaltig Respekt und damit die Möglichkeit, wirklich Einfluss auszuüben. Zusätzlich bedarf es immer größerer Kraftanstrengungen, der letztlich wachsenden Respektlosigkeit des Schülers zu begegnen.

Erschwert wird der notwendige konstruktive Kontakt zu einem „schwierigen“ Schüler dadurch, dass viele Schüler geradezu über ein Elefantengedächtnis verfügen, wenn es darum geht, respektlos behandelt worden zu sein, dass sie entwürdigende Situationen buchstäblich nie vergessen. Deshalb ist es so enorm wichtig, dass der objektiv überlegene (erwachsene!) Lehrer seine Emotionen kontrolliert.

Praktisch bedeutet das zum Beispiel, in aufgeregten Situationen, in denen man merkt, dass mit dem Ärger der eigene Puls steigt, ganz bewusst leise zu sprechen, ein Pokerface aufzusetzen und kühl-distanziert, geschäftsmäßig zu agieren. Es kann auch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie man den Ärger über die andere Person zum Ausdruck bringen würde, wenn es sich statt einer Lehrer-Schüler-Interaktion um eine geschäftsmäßige Situation handeln würde, etwa eine Reklamation oder um eine Situation, in der man Ärger oder Unzufriedenheit dem besten Freund gegenüber zum Ausdruck bringt. Ebenfalls hilfreich ist es, wenn es gelingt, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, sich also kurzfristig in die „Haut“ des störenden Schülers und in seine Sichtweise der Situation hinein zu versetzen. Sich zumindest kurz vorzustellen, wie der andere in diesem Moment dieselbe Situation erlebt, die mich gerade so wütend macht, kann ungeheuer entspannend und klärend wirken. In jedem Falle ermöglicht es, sich bewusst zu machen, dass es bei jedem Konflikt objektiv zwei „Wahrheiten“ gibt – egal wie überzeugt ich (natürlich!) von der „Wahrheit“ meiner Sichtweise bin. Wer richtig souverän ist, kann es vielleicht sogar schaffen, das störende Schülerverhalten zu „reframen“, es also gedanklich in einen anderen Rahmen zu setzen, es positiv umzudeuten.

Und wie bekommt man die starke Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ in den Griff? Das gelingt nur, wenn man immer wieder seinen Blick schärft für die objektiven und tatsächlichen Stärken und Kompetenzen selbst der nervigsten und schwierigsten Störer in der Klasse, die auch diese ja tatsächlich haben! Natürlich sind Lehrer in der Regel vor allem darin geübt, Fehler zu finden und Fehlverhalten und Probleme wahrzunehmen. Und mancher Schüler macht es einem wahrlich nicht leicht einen Blick für dessen Stärken und Kompetenzen zu entwickeln. Aber auch "schwierige" Schüler haben Stärken – und manchmal gar nicht so wenige! Beim Entdecken der anderen Seite dieser „Lieblings“-Schüler können Kollegen und Mitschüler gut behilflich sein, die denjenigen, den man selbst so sehr auf dem Kieker hat, emotionsloser und damit objektiver sehen können und manchmal besser kennen.

Von großer Bedeutung ist es, gerade schwierige Schüler nicht zu schonen, sondern auch und gerade ihnen Anstrengung und herausfordernde Aufgaben zuzumuten! Auch das hat natürlich mit der mächtigen Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ zu tun. Die z.T. nur unbewusste negative Erwartungshaltung hinsichtlich des Leistungsvermögens der Problemschüler (die z.T. auf tatsächlichen Erfahrungen, z.T. aber oft auch nur auf interpretierten „Erfahrungen“ beruht!) löst eine klassische „self-fulfilling prophecy“ aus. Und noch schlimmer: Der schonende Umgang mit schwierigen Schülern, verstärkt unbewusst auf deren Seite das Gefühl von Schwäche, was wiederum das Risiko weiterer Störungen verstärkt. Störungen, mit denen diese Schüler wiederum zeigen wollen, dass sie keineswegs schwach sind, sondern ganz tolle Typen!


Überprüfen Sie Ihr Auftreten vor der Klasse


Es ist nicht immer leicht, in manche Klassen zu gehen. Nicht nur für Berufsanfänger, selbst für manch gestandenen Lehrer ist es ein Graus, in bestimmten Klassen viele Minuten zu Beginn des Unterrichts damit zu verbringen, Ruhe herzustellen und sich als Lehrer Respekt zu verschaffen, sich „durchzusetzen“, wie Schüler es gerne nennen. Man sollte den Schülerwunsch „Setzen Sie sich doch mal durch“ (oder – über Kollegen – „Der kann sich überhaupt nicht durchsetzen“) sehr ernst nehmen als ein Signal, dass etwas im Argen liegt rumzubrüllen, Strafarbeiten zu verteilen oder sonstwie diktatorisch zu agieren. Es meint nichts Anderes, als dass der Lehrer in der Lage ist, sich echten Respekt zu verschaffen und in der Klasse ein Klima gegenseitigen Respekts herzustellen.

Neben dem im vorherigen Abschnitt angesprochenen so wichtigen Respekt des Lehrers vor seinen Schülern und seiner (Erwartungs-)Haltung ihnen gegenüber gibt es eine Reihe weiterer Aspekte, die wichtig sind, um Respekt zu erlangen.

Schüler jeder Alterstufe verfügen fast immer über allerfeinste Sensoren über nicht ausgesprochene Botschaften, Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten ihrer Erzieher, Eltern ebenso wie Lehrer. Sie spüren intuitiv, ob ihr Lehrer gerne in den Unterricht kommt, ob er seine Schüler mag, ob er sein Fach und das aktuelle Thema mag – oder eben nicht. Manchmal muss man das gar nicht erst großartig intuitiv erspüren, denn leider gibt es auch Lehrer, die der Klasse mit einem hochgradig missmutigen oder gar genervten Gesichtsausdruck begegnen, Lehrer, denen förmlich ins Gesicht geschrieben steht, was sie von ihren Schülern halten: absolut gar nichts nämlich. Sie vermitteln ihren Schülern genau das, was sie gerade noch in der Pause unter Kollegen lauthals beklagt haben: wie dumm, faul und nichtsnutzig ihre Schüler seien. Dies ist – wie ich aus sehr vielen Gesprächen mit Referendaren weiß, die solche Äußerungen gerade zu Beginn ihres Referendariats stark verunsichern – leider auch Realität in einigen Schulen.

Und ebenso gibt es den Fall, dass Lehrer ihren Stoff durchziehen, weil er halt dran ist, weil er im Lehrplan steht, und zugleich überdeutlich vermitteln, dass es sich dabei um ein langweiliges, trockenes Thema handelt, das sie selbst nur überaus ungern unterrichten. Wer Respekt von seinen Schülern erwartet und wer erwartet, dass seine Schüler lernen (und zwar am liebsten, dass sie gerne lernen!), hat die Pflicht, seine Schüler für die Themen, die er unterrichtet, zu begeistern, anzustecken, ja, mitzureißen!

Und der Lehrer vermittelt unterschwellig nicht nur, ob er gerne unterrichtet, seine Schüler, sein Fach, sein Thema mag, er vermittelt ebenso – und auch das zumeist unterschwellig – , ob er weiß, was er will, ob er einen Plan hat, einen klaren Plan für die Unterrichtsstunde und einen klaren Plan für den Umgang mit Störungen oder Regelverstößen. Wer keinen Plan bei Regelverstößen hat, lässt seine Schüler unbewusst spüren, dass er eigentlich Angst davor hat, dass etwas passiert, weil er nicht wirklich weiß, was er dann tun könnte oder tun müsste. Wer keinen richtigen Plan für die Unterrichtsstunde hat, verliert Respekt, weil die Schüler genau merken, dass der Lehrer schlecht vorbereitet ist oder – noch schlimmer – von der Sache, die er unterrichtet, wenig Ahnung hat, seinen Schülern bestenfalls gerade mal ein halbes Kapitel voraus ist.

Das alles zeigt der Lehrer seinen Schülern, auch wenn er gar nichts davon sagt: Er zeigt es durch seinen Gesichtsausdruck, durch seine Körperhaltung, durch seine Stimme, seine Organisation, ja, manchmal sogar durch seine Kleidung. Wer meint, dass er als Lehrer keinen echten Respekt von seinen Schülern erhält, dass er Probleme damit hat, sich durchzusetzen, sollte deshalb unbedingt einmal seine Ausstrahlung vor der Klasse kontrollieren, am besten, indem er eine Videoaufzeichnung des eigenen Unterrichts macht oder, indem er einen wohl gesonnen Kollegen bittet, sehr genau die eigene Ausstrahlung vor der Klasse zu beobachten, zu protokollieren und rückzumelden:

Welche Botschaften sendet mein Gesichtsaudruck? Zeige ich Begeisterung, Gelassenheit, positive Erwartungshaltung oder schlechte Laune, Ärger, Angst?

Welche Botschaften sendet meine Körperhaltung? Stehe ich klar, aufrecht, sicher und offen vor der Klasse oder verstecke, verkrieche ich mich, tigere ich aufgeregt im Klassenraum umher, lümmele ich mich auf das Pult oder einen Schülertisch, nach dem Motto: „alles egal“?

Welche Botschaften sendet meine Stimme? Spreche ich mit wenigen klaren Worten, deutlich, fest und bestimmt, aus dem Bauch heraus oder rede ich viel zu viel (und zeige so unbewusst meine Unklarheit und Unsicherheit)? Ist meine Stimme zu hoch, zu schrill, zu laut, kommt sie nur aus dem Hals und wirkt dadurch nicht tragend?

Welche Botschaften sendet meine Organisation? Beherrsche ich sicher den Umgang mit technischen Medien (z.B. OHP, Cassettenrecorder, Computer, Beamer…), gestalte und verteile ich übersichtliche, klare und lesbare Tafelbilder, Arbeitsblätter, Listen? Oder muss ich mich im Umgang mit technischen Medien entschuldigen („eben ging es noch…“, „kann man das erkennen…?“). Eröffne ich durch langes Hantieren mit Medien ein Spielfeld für Störungen jeder Art und zeige ich meine technische Inkompetenz coram publico.

Bin ich in Sachen Gestaltung von Tafelbildern, Folien, Arbeitsblättern ein Vorbild für meine Schüler?

Und schließlich: Welche Botschaften sendet meine Kleidung und meine äußere Erscheinung? Vermittele ich, dass ich meinen Unterricht und meine Schüler ernst nehme, indem ich meine äußere Erscheinung und meine Kleidung diesem professionellen Anlass entsprechend gestalte? Oder zeige ich, dass ich Unterricht und Schule keineswegs als professionelle Veranstaltung verstehe, indem ich im Unterricht im Campingplatz- bzw. Freizeit-Outfit erscheine?


Überprüfen Sie Ihre Sprache...


... weiter geht es im Buch:


Thomas Unruh: Der Lehrer-Coach - Erste Hilfe für den Unterrichtsalltag, AOL-Verlag, 3. Aufl. 2009.



Das Problem:


„Ich kann mich manchmal nicht durchsetzen, es dauert viel zu lange, bis die Schüler zuhören., Schüler begegnen mir und Mitschülern respektlos, distanzlos, sie gehorchen nicht, reagieren nicht oder zu langsam auf Anweisungen und Aufträge …“

Natürlich gab und gibt es Lehrer, die sich im Unterricht „Respekt“ verschaffen, indem sie ein Klima der Angst und Unterdrückung erzeugen, wie z.B. in dem in der Presse ausführlich berichteten Fall einer Realschule, in der Sechsen wie am Fließband bereits für das geringste Fehlverhalten verteilt wurden.